Aufbruch zu neuen Ufern

Aufbruch zu neuen Ufern

23 Dezember 2021 Sebastian Jüngel 595 mal gesehen

Martina Maria Sam hat den zweiten Teil ihrer Biografie Rudolf Steiners vorgelegt. Nach ‹Kindheit und Jugend› geht es nun mit den ‹Wiener Jahren› um sein Einleben in die zeitgenössische Kultur und ein erstes Wirksamwerden.


«Mit Beginn seiner Hauslehrer-Tätigkeit 1884 verbindet sich Rudolf Steiner mit verschiedensten Kreisen, besucht künstlerisch-literarische Zirkel und Wiener Kaffeehäuser. Er lernt eine Reihe von Dichtern, Journalisten, Schauspielerinnen, Theologen, Politikern, Musikern und Theosophen kennen, darunter Johannes Brahms, Victor Adler, Hermann Bahr, Arthur Schnitzler und Fercher von Steinwand.» So fasst Martina Maria Sam die im neuen Band vorgestellte Lebensperiode zusammen, der dem ersten Band über ‹Kindheit und Jugend› folgt. Auch im zweiten Teil ihrer Studie versucht sie, aus zahlreichen Dokumenten wesentliche ‹Entwicklungsgebärden› des Inaugurators der Anthroposophie herauszulesen.

Das starke Interesse für das zeitgenössische Kulturleben ist das eine Kennzeichen von Rudolf Steiners Wiener Zeit. In diesem Zusammenhang kommt es auch zu prägenden Begegnungen und Freundschaften mit Frauen – unter anderem mit Pauline Specht, der Dichterin Marie Eugenie delle Grazie und den späteren Frauenrechtlerinnen Marie Lang und Rosa Mayreder. Das andere Charakteristikum dieser Periode ist, dass Rudolf Steiner durch sein publizistisches Wirken in Anknüpfung an Johann Wolfgang Goethe darauf aufmerksam zu machen sucht, dass es keine ‹Erkenntnisgrenzen› gebe, sondern dass das Geistige beziehungsweise das innere Wesen der Sache im Erkenntnisprozess direkt erfahren werden kann.

Ab 1888 lasse sich dann erkennen, «wie sich ein seelischer Umbruch ankündigt», so die Biografin. «Es entstehen neue Interessen, so für bildende Kunst, Theater und Mystik.» Im Äußeren zeigt sich dies unter anderem durch Kontakte zum Kreis der Wiener Theosophen, der durch Friedrich Eckstein vermittelt wird. Der junge Rudolf Steiner drängt am Ende seiner Wiener Jahre «zu neuen Ufern». Der Band endet mit Rudolf Steiners Weggang von Wien, um ab Herbst 1890 im Goethe-Archiv in Weimar mitzuarbeiten.


Buch Martina Maria Sam: Rudolf Steiner. Die Wiener Jahre, 536 Seiten, Verlag am Goetheanum, 50 Euro / 60 Franken

Interview mit Martina Maria Sam in der Wochenschrift Das Goetheanum

Titelbild Rudolf Steiner, Wien, 1886 (Foto: Richard Pokorny, Bestand Rudolf Steiner Archiv Dornach, bearbeitet)