Das Weizendrama

Das Weizendrama

04 Juni 2022 Ueli Hurter 1254 mal gesehen

Aus Weizen backen wir Brot. Das ‹tägliche Brot› steht für die tägliche Nahrung überhaupt. Woher kommt der Weizen für das Brot? Natürlich von den Feldern, wo Bauern und Bäuerinnen den Weizen anbauen. Aber für viele Menschen, die täglich Brot essen, sind die Felder, wo ‹ihr› Weizen wächst, weit weg, zum Beispiel in der Ukraine oder auch in Russland.


So kommt 90 Prozent des Weizens für die 100 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner von Ägypten aus der Ukraine und Russland. Ähnlich ist es für den Libanon, für Marokko und andere Länder. In diesen Ländern wird viel weniger Weizen angebaut, als konsumiert wird. In der Ukraine wiederum wird weit mehr Weizen angebaut, als im Land verbraucht wird, und somit kann viel Weizen exportiert werden. Der in Friedenszeiten eingerichtete Handel mit Weizen und anderen Grundnahrungsmitteln ist jetzt in Kriegszeiten gestört. Die Frachtschiffe können in Odessa und anderen Schwarzmeerhäfen nicht auslaufen, weil die Seewege vermint sind. Und somit kommen in Beirut und Alexandria keine Weizenschiffe an. Das ist das aktuelle Weizendrama.

Der Weizen aus der Ukraine fehlt auf dem Weltmarkt. Dazu kommt die Unsicherheit, wie die Ernte 2022 ausfallen wird. Kann gesät werden, kann gedüngt werden, kann geerntet werden? Der größte Produzent von Stickstoffdünger der Welt ist Russland. In vielen Ländern wird der Dünger knapp durch die gegenseitige Sanktionspolitik. Die Preise im Agrarsektor sind schon stark gestiegen. Es herrscht Instabilität, Unsicherheit, Spekulation, und am Horizont erscheint das Gespenst einer Hungerkrise. Die Verantwortlichen für das UNO-Welternährungsprogramm schlagen Alarm, weil die rund 20 Millionen Tonnen, die in der Ukraine noch lagern, gerade für ihre Hilfsprogramme fehlen, die so bitter nötig sind, zum Beispiel in Ostafrika, wo gerade durch eine Jahrhundertdürre über 20 Millionen Menschen akut in Hungersnot sind.

Ist der biologische Anbau schuld?

Schon am 19. März meldete sich Werner Baumann zu Wort. Er ist Chef des Pharma- und Agromultis Bayer und wurde 2018 bekannt durch die Akquisition von Monsanto, dem Hersteller des Totalherbizides Round-up. «Wir sind schon jetzt in einer Getreideversorgungskrise», sagt er und gibt sich besorgt über den bevorstehenden Hunger für viele Millionen Menschen. Als Lösungsstrategie sieht er eine forcierte Technisierung der Landwirtschaft, etwa durch Gentechweizen, der Stickstoff binden kann wie die Leguminosen, oder durch Smart-Farming, was die Einführung künstlicher Intelligenz in der Landwirtschaftstechnik bedeutet, oder durch ein Trainingsprogramm für 100 Millionen Kleinbauern. Das tönt nach einer Neuauflage der Grünen Revolution, deren Versprechungen nie eingelöst wurden. Am 8. Mai gab Erik Fyrwald, CEO von Syngenta, ein Statement ab, das in einer Anschuldigung des Biolandbaues gipfelte. Dieser sei schuld am Hunger in Afrika, weil er pro Hektar gegenüber der Chemielandwirtschaft nur 50 Prozent des Ertrages bringe. (In der Realität sind es im Schnitt aller Kulturen 81 Prozent Ertrag bei einem viel geringeren Einsatz an Energie und einer gesamthaft viel besseren Ökobilanz). Fyrwald plädiert ähnlich wie sein Kollege von Bayer für einen ökotechnischen Weg.

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Website der Wochenschrift lesen.

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