Dialog schafft, was Gewalt zerstört
Ein ‹Restorative Circle› ist eine Art dialogisches Sozialsystem, das sich im Prozess einer Konfliktlösung jeweils wieder neu ergibt. Man könnte es übersetzen mit ‹Versöhnungskreis›. Dominic Barter hat ihn zusammen mit den Menschen gefunden und entwickelt, die marginalisiert in den konfliktgeladenen Favelas von Rio de Janeiro leben. Gerald Häfner sprach mit ihm über die Kraft des Dialogs, des Zuhörens, über den Mut, einen Schritt weiterzugehen, um gemeinsam das Zusammenleben neu zu verhandeln.
Als ich nachdachte, wie ich Dominic Barter vorstellen könnte, kam ‹Erfinder der Restorative Circles›, ein Lehrer des Dialogs. Seine Antwort: «Ich bin ein Schüler des Dialogs.» Willkommen Dominic. Was bedeutet das: Schüler des Dialogs?
Dominic Barter Danke Gerald, dass ich hier sein darf. Ich befinde mich auf einer Abenteuerreise des Erforschens und Fragens, die kein Ende hat. Martin Bubers Angaben zu Dialog, die mir so gut gefallen, beschreiben ein Gespräch zwischen Gleichberechtigten, dessen Ende unbekannt ist. Und genau diese Ungewissheit finde ich so anregend, die Vorstellung, dass es immer etwas gibt, das am Rande unseres persönlichen Lebens, unseres Beziehungslebens und unseres sozialen Lebens entsteht und noch keinen Namen und keine Definition hat. Das ist das Neue, nach dem ich suche, mit dem ich mich beschäftigen und von dem ich lernen möchte.
Erzähle uns, wie hat alles angefangen?
Nicht so sehr aufgrund einer bewussten Entscheidung, sondern aufgrund der Beobachtung der Folgen von fehlendem Dialog. Wenn man in Rio de Janeiro lebt, wo Krieg als Teil des Alltags normal ist und Menschen darunter leiden, sieht man immer wieder, wie fatal fehlender Dialog ist. Zuerst zerstört der fehlende Dialog das Verständnis zwischen den Menschen, dann ihre Beziehungen. Und wenn nichts unternommen wird, zerstört er schließlich Menschen. Wir beobachten das in unserem Innenleben, in der Art und Weise, wie wir aufhören, auf unsere eigenen Stimmen, Wünsche, Gefühle und Träume zu hören, oder wie wir unsere Mitmenschen und andere Spezies behandeln. Ohne Dialog schwindet die Möglichkeit des Zusammenlebens und fatalerweise verschwindet sie irgendwann schließlich ganz.
Wie hat das alles angefangen?
Ich bin im Norden Großbritanniens geboren. Als Dreijähriger sagte ich wohl zu meiner Mutter: «Wenn ich groß bin, reisen wir um die Welt und sagen den Menschen, sie sollen aufhören zu kämpfen.» Also eine frühe Veranlagung. Ich war sehr fasziniert von Vereinbarungen, die es uns ermöglichten, zusammen zu sein. Ich wollte sie kennenlernen, hinterfragen, mit gestalten. Und die Schule war für mich sehr frustrierend, weil sie mir das nicht erlaubte. Schlussendlich wurde ich sogar von der Schule verwiesen. Am Ende meiner Teenagerzeit verliebte ich mich in eine Brasilianerin. Sie kehrte nach Rio zurück. So landete ich in dieser erstaunlichen Stadt, wunderschön und beeindruckend. Der Wald, der Strand, alles ist unglaublich. So auch diese außergewöhnliche Spaltung. Rio ist eine geteilte Stadt. Es gibt eine sehr grundlegende Apartheid, die tief in der Gesellschaft verwurzelt ist und schreckliches Leid und Distanz zwischen den Menschen verursacht. Das war für mich ein großer Schock und eine Herausforderung. Wenn man dort leben will, muss man sich damit auseinandersetzen. Man kann nicht einfach nur Tourist sein. Ohne jegliche Grundlage, ohne zu verstehen, was ich tat, musste ich etwas tun. Forschung beginnt ja meistens mit einem ‹Ich weiß es nicht›.
Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Webseite der Wochenschrift lesen. Falls Sie noch kein Abonnent sind, können Sie die Wochenschrift für 1 CHF/€ kennenlernen.
Mehr Das ganze Gespräch ist auf Goetheanum TV unter dem Titel ‹Die transformative Kraft des Dialogs› zu finden.
Formen Ella Lapointe, 2025.