Jenseits der Berechnung – Kunst als Wagnis

Jenseits der Berechnung – Kunst als Wagnis

09 Februar 2026 Christiane Haid 20 mal gesehen

Wie unterscheidet sich Kunst von Produkten einer Rechenoperation? Christiane Haid zeigt, warum von einer KI erzeugte Bilder nicht vergleichbar sind mit von Menschen hervorgebrachten schöpferischen Werken. Kunst ist einzigartig wegen der Grenzerfahrungen, des Risikos und der Gnade, die in diesem Prozess stecken.


Die rasante technische Entwicklung, die Auswirkungen der Digitalisierung sowie die vielfach verbreitete Behauptung, dass künstliche Intelligenz ‹Kunst› machen könne, rufen nach einer Klärung, was unter Kunst zu verstehen ist. Um diese Frage näher zu bestimmen, soll hier der schöpferische Prozess des Kunstschaffenden in den Blick genommen werden. Wenn zwischen einem von einem Künstler gemalten Bild und einem Objekt, das aus den Daten eines von Menschen geschaffenen Kunstwerkes errechnet wurde, kein sichtbarer Unterschied besteht, dann müssen die Kategorien, was als Kunst im Sinne einer schöpferischen Leistung eines Individuums bezeichnet werden kann, neu definiert werden.

Der schöpferische Prozess

Der herausragende Renaissancekünstler, Bildhauer und Maler Michelangelo (1475–1564) fasst seine Erfahrungen mit dem Schöpfungsprozess in einem Gedichtzyklus in dem Band ‹Gedichte› als Selbstzeugnis in Worte. Rainer Maria Rilke hat sie ins Deutsche übertragen:

In vielen Jahren sucht, in viel Misslingen,
der Meister, bis er in dem Wurf, der gilt,
lebendiges Bild,
am Tode nah, aus festem Fels erzwang.
Zu hohen Dingen
Gelangt man spät und bleibt dann nicht mehr lang.
So ähnlich drang
Natur, viel irrend, durch Gesichter her,
und hat sie endlich Äußerstes erreicht
in deinem Göttlichen, so ist sie alt und soll dahin.
Weshalb die Furcht, die schwer
je von der Schönheit weicht,
dem Sehnen dient als seltsamste Ernährerin.
In deinem Anschaun bin
ich wortlos, was mehr nütze oder schade:
Weltende oder des Ergötzens Gnade.

Jahrelange Übung und oftmaliges Misslingen sind der Ausgangspunkt für ein Meisterwerk, das der Bildhauer dem Stoff an der Grenze des Todes abzwingt. Es ist ein nahezu gewaltsamer Prozess, der die Kraft des Künstlers oder der Künstlerin in der Gestaltung des Stoffs bis aufs Äußerste herausfordert. Erst an der Grenze des Todes, man könnte auch sagen, an der Schwelle, kann er einen so einzigartigen Wurf erzielen, dass ein Werk von Geltung entsteht. Diese Höhe der Kunst erfordert, so schreibt es Michelangelo, lebenslanges Arbeiten, sie ist wie der Gipfel eines Berges, der dann auch gleichzeitig nah an den Himmel und damit ans Ende des Lebens heranführt.

Ein zweiter Gedanke setzt implizit bei der Frage an, wie die Natur eine solche Leistung durch den Künstler hervorbringen könne. Sie ist die treibende Kraft im Künstler, die in der vollendeten Gestaltung das Göttliche des Menschen zur Erscheinung kommen lässt. Hier spricht der Renaissancemensch, der noch in ganz anderer Weise mit den Kräften der Natur und dem Göttlichen verbunden ist. Der Prozess des Schaffens ist durch die Furcht angetrieben, das Ideal der Schönheit als Ziel der Sehnsucht zu erreichen – es ist ein Kampf am Abgrund, zwischen Weltenende und erlösender Gnade der Erfüllung. Ob etwas entsteht und gelingt, liegt nicht in der Macht des Schaffenden. Seiner eigenen Kraftanstrengung kommt gleichsam von der anderen Seite etwas als «Gnade» entgegen, über das er nicht verfügen kann.

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Webseite der Wochenschrift lesen. Falls Sie noch kein Abonnent sind, können Sie die Wochenschrift für 1 CHF/€ kennenlernen.