Spielen heißt wahrhaftig sein

Spielen heißt wahrhaftig sein

11 Oktober 2022 Sonja Zausch 204 mal gesehen

Gemeinschaften brauchen spielerische Begegnungen nicht als Luxus, sondern für ihre innere Gesundheit. Im Spiel öffnen wir uns, machen uns verletzlich und zugänglich. So entsteht Authentizität, die von Altlasten oder Erwartungen, Hierarchien und Vorstellungen befreit. So holt man die Beziehung in die Gegenwart. Sonja Zausch erzählt von ihrer Gemeinschaftsarbeit mit Menschen mit oder ohne Assistenzbedarf und von ihrem eigenen Lernprozess. Die Fragen stellte Franka Henn.


Dein Weg begann mit einer Ausbildung zur Bäckerin, dann zur Bühnentänzerin und später zur Eurythmistin. Dadurch öffnete sich das Feld der Heilpädagogik oder überhaupt das soziale Feld. Wer hat dich in deinem Leben inspiriert?

Der erste Mensch, der mir einfällt, ist ein Kollege aus der Camphill-Bewegung, den ich erst mit 34 kennengelernt habe, als ich anfing, in der Heilpädagogik tätig zu sein. Durch ihn habe ich gefühlt, dass ich mit Anthroposophie wirklich tiefer gehen will und mich nicht von dem, was mich daran gelegentlich irritiert, abschrecken lasse. Früher hatte ich oft das Gefühl: Oh, ich muss richtig viel wissen, damit ich da mitspielen darf. Aber er vermittelte mir die Stimmung: Dort, wo du bist, bist du am richtigen Ort. Hab dieses Vertrauen, dass es einen Grund hat, dass du da bist.

Trotzdem frage ich mich immer wieder: Bin ich hier richtig oder falsch? Aber es trägt mich, im Grunde meines Herzens zu sagen: Doch, ich darf dazu etwas sagen, denn ich bin jetzt einfach hier. Dasselbe gilt für das Tanzen. Ich habe getanzt und getanzt und getanzt und getanzt und ich hatte nie den Plan, dass ich Tänzerin werde. Pina Bausch, das Wuppertaler Tanztheater, war ein großes Vorbild für mich, weil ich dort einfach eine Ehrlichkeit mit den Themen aus dem Leben erlebt habe. Da wird alles erzählt: Schmerz, Freude, Leid, Blut, Tod, Liebe und Sex.

Ist das für dich ein wichtiges Motiv? Dass wir ganz ‹durchkommen›, mitsamt dem Leben, dem Herzblut, dass wir uns wirklich aussprechen und uns nicht zurückhalten oder ‹weisheitsvoll› abdämpfen?

Ja, ich habe ein großes Anliegen an Authentizität und an das Gefühl, mir nah zu bleiben. Für mich ist Entfremdung ein großes Thema. Vielleicht ist das auch der Punkt, warum ich in dieser Arbeit mit Menschen mit Assistenzbedarf gelandet bin. Was heißt es denn, mich authentisch zeigen zu dürfen, und was passiert, wenn ich mich entfremdet erlebe? Ich tue das auch ganz oft. Dann bin ich im Kopf und habe irgendetwas vor. Dann laufe ich herum und verliere den Kontakt zu diesem inneren, ursprünglichen Impuls und bin nur noch dabei, mit einer Meinung oder Verteidigung unterwegs zu sein. Dabei habe ich doch am Anfang so ein ganz nettes Bild davon gehabt, worum es geht. Dann muss ich im Hirn zurückrudern, um wieder ans Herz zu kommen.

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Website der Wochenschrift lesen.

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