Vielen Dank, Mart Stam!

Vielen Dank, Mart Stam!

13 August 2023 Johannes Kronenberg 703 mal gesehen

Eine außergewöhnliche Persönlichkeit machte dem Goetheanum 1986 nach seinem Tod ein großes, außergewöhnliches Geschenk: Er übertrug der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft die Rechte am Thonet-Freischwinger S33, dem weltberühmten Stuhl, der immer noch von Thonet, einem alten deutschen Familienunternehmen, produziert wird.


Für den Stuhl flossen nur in 2022 schon etwa 120 000 CHF Patentgelder an das Goetheanum. Es war der niederländische Architekt Mart Stam, der diese Geste vollzog, ohne dass bis heute jemand genau weiß, warum und welche Verbindungen er zur Anthroposophie und zum Goetheanum hatte. Im Jahr 2026 wird es 100 Jahre her sein, dass Stam im Alter von 27 Jahren den Freischwinger für seine schwangere Frau Leni entwarf. Der neue Stuhl sollte ‹frei schwingen› und damit Leni Stam in ihrer Schwangerschaft unterstützen, die Zukunft zu tragen. Gleichzeitig ist dieser Entwurf typisch für das ‹Neue Bauen› als Versuch, die Moderne und den Konstruktivismus zu definieren. Es hatte aber auch soziale und ökologische Anliegen. Der Stuhl wurde ikonisch und weltberühmt, während Mart Stam als Architekt selbst weniger bekannt wurde und nicht als besondere Persönlichkeit in die Geschichte einging. Mit einer neuen Initiative wollen wir am Goetheanum versuchen, dieses Geschenk im Vorfeld der Goetheanum-Weltkonferenz zu würdigen und zu verdanken, aber auch dieser rätselhaften Verbindung zu Mart Stam mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Die Initiative könnte zu einer Art Porträt der anthroposophischen Weltbewegung werden.

Mart Stam wurde am Samstag, den 5. August 1899, in Purmerend in den Niederlanden geboren und starb nach einem bewegten Leben, davon 20 Jahre isoliert in der Schweiz, am Freitag, den 21. Februar 1986 in Goldach. Er verkehrte in Kreisen von Persönlichkeiten wie den Architekten Le Corbusier, Mies van der Rohe und Gropius und beeinflusste sie und ihr Werk ebenso wie umgekehrt. Im Herbst 1922 zogen Mart (damals 24) und Leni nach Zürich, wo Stam bei Architekt Werner Moser in die Lehre ging, bevor er nach Thun weiterreiste, um seine Ausbildung bei Arnold Itten fortzusetzen. Zusammen mit Freunden und Kollegen gründete er die Avantgarde-Architekturzeitschrift ‹ABC – Beiträge zum Bauen›, die fünf Jahre lang bestand und den schweizerischen, aber auch den internationalen Status quo in der Architektur infrage stellte. Stam unterrichtete unter anderem am Bauhaus, arbeitete für die Sowjetunion und half beim Wiederaufbau der Niederlande nach dem Zweiten Weltkrieg mit seinem schon damals erkennbaren Sinn für grünes, soziales und minimalistisches Bauen. Sein Ruhestand führte ihn und seine damalige Partnerin zurück in die Schweiz, wo sie zunächst anonym und isoliert in einem selbst entworfenen Haus am Lago Maggiore lebten, bevor sie an viele weitere Wohnorte innerhalb der Schweiz weiterzogen. (Vermutet wird, dass er und seine Frau an einer Art Verfolgungswahn litten.) Nach seinem Tod 1986 kam völlig unerwartet und ohne weitere Erklärung das Erbe in Form des Patents und des Urheberrechts des Freischwingers an die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft in Dornach. Ein stilles und geheimnisvolles Geschenk.

Wie ein Stuhl die Zukunft trägt

In Zusammenarbeit mit der Künstlerin Claudy Jongstra aus den Niederlanden, den Gärtnern Rob und Katrin Bürklin von der Goetheanum-Gärtnerei, Konstanze Abouleish von Sekem, Thonet als Hersteller, der Iona-Stichting aus Amsterdam als Mitinitiatorin, Demeter und dem Goetheanum werden wir 100 Freischwinger-Stühle herstellen. Ein Teil wird mit gelb gefärbter Demeter-Wolle aus den Niederlanden gepolstert (das Leder für Sitz und Rücken wird durch die Wolle ersetzt) und ein Teil der Produktion mit Demeter-Baumwolle aus Sekem, Ägypten, die mit der Färberwaid-Pflanze aus den Gärten des Goetheanum blau gefärbt wird. Das Stahlgestell wird in Deutschland in der Thonet-Werkstatt hergestellt, die Sekem-Baumwolle wird während der Weltkonferenz im September am Goetheanum während einer Arbeitsgruppe blau gefärbt und dann, ebenso wie die gelbe Wolle, in der Thonet-Werkstatt auf die Stühle montiert.

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Webseite der Wochenschrift lesen.

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Vorverkauf Interesse anmelden: freischwinger@goetheanum.ch

Der Preis für diese Sonderedition wird pro Stuhl zwischen 1500 und 2000 Euro liegen (Normalpreis Standard Thonet S33 ab 1 344.70 Euro).

Titelbild S33 oder ‹Freischwinger› von Thonet; Bildquelle: Thonet GmbH