Wenn das Leben spricht

Wenn das Leben spricht

10 Juni 2022 Claudia Grah-Wittich 259 mal gesehen

Mehrmals wegen der Pandemie verschoben, nun ist es so weit: Vom 15. bis 18. Juni 2022 findet am Goetheanum der internationale und interdisziplinäre Kleinkindkongress statt. Dem Thema ‹Die Würde des Kindes› ist aus der Kinderseele die Aussage «Ich fühle mich in deinen Augen gut» zugefügt. So wird deutlich, dass es nicht mehr allein um die Kinder geht, sondern vor allem um die Erwachsenen, um Institutionen, die für die Bedingungen für ein gesundes Heranwachsen der Kinder verantwortlich sind. Die Fragen stellte Wolfgang Held.


Ihr habt zum Titel noch ein Motto des Malers Henri Matisse hinzugefügt: «Man darf nicht verlernen, die Welt mit den Augen eines Kindes zu sehen.» Was bedeutet das?

Claudia Grah-Wittich Als Erwachsene, aufmerksam zu sein! Die Bedürfnisse des Kindes erkennen, es in seinem Lebensweg unterstützen, bestärken und begleiten. Es bedeutet auch, am Kind ablesen zu können, was es möchte, ohne dabei aus der eigenen Sicht zu interpretieren. Das verengt nämlich den Fokus für das, was das Kind ausdrücken will. Ein Beispiel: Ein Kind von anderthalb Jahren kratzt mit einem Löffel in der Hand in einem leeren Topf. Die Erzieherin sieht es und fragt: «Was kochst du denn Schönes, darf ich mal probieren?» Im ersten Moment schaut das Kind überrascht und reicht dann den Löffel zum Probieren. So beginnt eine Konditionierung! Bei einer nächsten Gelegenheit streckt dann das Kind gleich den Löffel zum Mund des Erwachsenen. Bevor wir ein Kind im Spiel unterbrechen, gilt es, sich selbst zu fragen: Hat das Kind Kontakt gesucht? Vielleicht geht es ihm nur darum, mit dem Löffel ein Geräusch zu erzeugen oder ein Bewegungsmuster mit dem Arm zu probieren.

Das Beispiel hat es in sich, denn mit der Frage «Was kochst du?» kommt man sich besonders kindgerecht vor.

Und vor allem schlau! Ja, das ist genau das Problem! Wir haben außerdem das Gefühl, dass wir die Situation dadurch kontrollieren können. Ja, ich weiß, was das Kind spielt: Es kocht. Ich setze den Rahmen. Vielleicht habe ich auch nur ein schlechtes Gewissen, weil ich längere Zeit abgelenkt war mit eigenen Themen. Beim ersten Mal ist das nicht weiter relevant, aber beim zweiten, dritten Mal wird es zur Gewohnheit. Dann bringen wir dem Kind seine Puppen. «Du kannst doch deinen Puppen etwas zu essen kochen!» So wird das Kind in etwas hineingeführt, was unter Umständen gar nicht sein Bedürfnis ist. Worauf es für das Kind ankommt ist, dass es sich selbstwirksam in dieser Welt erlebt. Wenn wir Erwachsene uns bei solchen Kommentaren gut beobachten, dann merken wir, dass wir dem Kind ein Angebot machen und in Beziehung sein möchten.

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Website der Wochenschrift lesen.

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