«Wir forschen im Geist des Neuen»

«Wir forschen im Geist des Neuen»

14 September 2022 Peter Selg 45 mal gesehen

14 Interviews mit Rudolf Steiner enthält der neue GA-Band 244 (Fragenbeantwortungen und Interviews), den Renatus Ziegler in mustergültiger Form herausgab.


13 von ihnen stammen aus den Jahren 1921 bis 1923 und entstanden im Kontext von Rudolf Steiners öffentlichen Vorträgen in Den Haag, Oslo, Wien und Oxford, die die Aufmerksamkeit der Tagespresse erregt hatten; drei sind dem Brand des Goetheanum in der Silvesternacht 1922/23 geschuldet, der ein publizistisches Ereignis in Basel war. Ein Interview fand bereits 1913 in Stockholm statt, anlässlich von Steiners Vorträgen in der Stadt und seiner publik gewordenen Trennung von der Theosophischen Gesellschaft. Interviews in Deutschland sind nicht nachweisbar, obwohl Steiner dort bis einschließlich 1922 die meisten öffentlichen Vorträge hielt und eine sehr bekannte Persönlichkeit war. Die deutsche Presse schrieb Anfang der 1920er-Jahre viel und nahezu ausschließlich negativ über ihn und die Anthroposophie – in einem Ausmaß und in einer Schärfe, die noch heute erstaunt. Macht man sich die Mühe, die Presseberichte von Steiners öffentlicher Vortragstournee im Januar 1922 in zwölf deutschen Großstädten zu studieren – oder auch andere Dokumente dieser Zeit –, so ist man über das Ausmaß der ihm entgegenschlagenden Herablassung schockiert, nicht nur vonseiten des rechtsnational-völkischen und nationalsozialistischen Lagers. Auch zahlreiche deutsche Akademiker, darunter viele Theologen, schrieben aggressiv gegen Steiner; dass er je in Deutschland zu einem Interview, zu einem Gespräch oder Gastvortrag an eine Universität eingeladen worden wäre, ist nicht bekannt – er war eine Persona non grata.

Die diffamierende Berichterstattung in Deutschland und Pfarrer Kullys nationalistisch-fremdenfeindliche Pressepropaganda im Umkreis des Goetheanum breitete sich auch in Steiners Reiseländer Holland und England, Norwegen und Österreich aus; sie erreichte dort jedoch nie die Fulminanz und Dominanz des deutschen Originals. Die in GA 244 wiedergegebenen Interviews zeigen vielmehr, neben vielen lesenswerten, inhaltlich interessanten und auch amüsanten Details, dass alle Presseleute, die wirklich mit Steiner sprachen, nicht unbeeindruckt von ihm blieben – vom Inhalt seiner Aussagen und seiner geistigen Gestalt. Manche der Interviewer räumten zwischen den Zeilen ein, mit anderen Erwartungen (oder Befürchtungen) gekommen zu sein. Steiner hatte nichts von einem Sektenführer – und war sogar zu einem Spontaninterview am Osloer Bahnhof nach langer Zugfahrt (von Berlin kommend) am 23. November 1921 bereit, gab Auskunft, war entgegenkommend und unprätentiös. «Der Doktor bleibt stehen, und ein paar kluge Augen verharren einen Augenblick, prüfend auf einem, er sieht älter aus als auf den Bildern. Freundlich beantwortet er die Fragen […]» Es störte Steiner auch nicht, dass ein Kollege des Osloer Reporters ihn am Bahnhof im Getümmel der Menschen gleichzeitig zeichnete oder vielmehr karikierte. Am Ende sagte Steiner dem Reporter von ‹Tidens Tegn›, er hoffe, ihn wiederzusehen – «er versteht, mit seinen Mitmenschen umzugehen, sowohl mit denjenigen von der Presse als auch mit Außenstehenden». Wie einen «weltmännisch konzilianten Politiker» erlebte auch der Journalist der Wiener Zeitung ‹Die Tat› Steiner am 26. September 1923 im Hotel Imperial, nicht als Guru oder Geistlichen («für den man ihn nach seinem Aussehen und seiner Kleidung halten könnte»). Steiner berichtete in einem Stockholmer Interview 1913 freimütig von seinem Weg aus der Theosophischen Gesellschaft heraus («Seit ich dieser Gesellschaft angehöre, kam ich mehr und mehr zu der Einsicht, dass ich dort nicht hineinpasse.»). In keinem der Interviews ließ er sich provozieren, sondern beantwortete auch tendenziöse Fragen («Worin liegt wohl die suggestive Macht der [anthroposophischen] Bewegung?») gelassen, sachlich und souverän. Es finden sich in den Interviews persönlich-prägnante und knappe Darstellungen des Wesens der anthroposophischen Geisteswissenschaft und seiner eigenen Zielsetzungen («Ich fasse meine Lehre keineswegs als ein System, sondern als eine Art Forschungsmethode auf. Das Ergebnis ist mir vorläufig weniger wichtig als die Betrachtungsweise, der Weg […]»). Steiner äußerte Verständnis für die Zurückhaltung und Skepsis – während des Wiener Kongresses im Juni 1922 sagte er zu einem Journalisten des ‹Neuen Wiener Tagblatts›: «Das Verständnis für unsere Bewegung kann nur derjenige erhalten, der sie genauer studiert. Das ist auch begreiflich, da eben die Scheu vor dem Übersinnlichen nicht mit einem Schlag verschwindet.» Einem Reporter der Wiener ‹Neuen Freien Presse› hatte er einen Tag zuvor erläutert: «Dass sich viele Wissenschaftler skeptisch verhalten, begreife ich ganz gut, da ich ja selbst Wissenschaftler bin und sehr genau weiß, welche inneren Hemmungen man überwinden muss, bevor man in der Anthroposophie Antwort auf seine Fragen findet. Dennoch baue ich darauf, dass diese Lehre einmal so felsenfest begründet sein wird wie das kopernikanische System. Es handelt sich mir um eine exakte Formulierung übersinnlicher Probleme, und nebuloser Mystizismus liegt mir gänzlich fern. Wir forschen im Geist des Neuen […].» In Oslo sagte Steiner am 23. November 1921 in einem Interview mit ‹Verdens Gang› zu Fragen der sozialen Dreigliederung (‹Ein Gespräch über Geisteswissenschaft und Realpolitik›), er habe noch nie etwas begonnen, das die Tatsachen nicht selbst vorgegeben hätten; Steiner berichtete von der Schulinitiative Molts: «Hätte man mir ein Krankenhaus gegeben, hätte ich dort angefangen!» Wiederum in Wien, an der Stätte seines naturwissenschaftlichen Hochschulstudiums, hieß es in einem Interview pointiert: «Gewöhnlich, wenn man von einer geistigen Weltanschauung spricht, tritt sie auf im Kampf mit dem sogenannten Materialismus. Die Anthroposophie [dagegen] nimmt den Materialismus auf und verarbeitet ihn.» Am 3. März 1921 sagte Steiner in Den Haag, die Dornacher Hochschule werde in Zukunft hoffentlich auch ‹Diplome› erteilen.

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Website der Wochenschrift lesen.

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