Anthroposophische Medizin im 21. Jahrhundert

Anthroposophische Medizin im 21. Jahrhundert

05 Januar 2026 Marion Debus 97 mal gesehen

Digitalisierung und Beschleunigung drohen, das Leben zu entfremden, die Seele zu vereinsamen. In der Anthroposophischen Medizin liegen in der Idee des Äthers und der Wärme dafür machtvolle Werkzeuge und Perspektiven für den einzelnen Heilenden und die therapeutische Gemeinschaft.


Es mag vermessen klingen, die Aufgaben der Anthroposophischen Medizin im 21. Jahrhundert zu beschreiben, und doch möchte ich als Mitverantwortliche der Medizinischen Sektion fragen: Was steht an? Wo stehen wir heute in der Medizingeschichte? Seit der Jahrtausendwende wird unsere Medizin von drei Entwicklungen geprägt, die unsere ganze Wachsamkeit verlangen: Die Ökonomisierung, d. h. die Notwendigkeit, im Gesundheitswesen sogar Gewinne zu erzielen, hat exponentiell zugenommen. Hinzu kommt als zweite Entwicklung das technische Vordringen in den  Bereich des Lebendigen und als dritte die Digitalisierung. Diese drei Transformationen haben mit dem neuen Jahrtausend eingesetzt, bzw. Fahrt aufgenommen und prägen alle Felder der Medizin.

Blicken wir zunächst darauf, wie Rudolf Steiner im ersten Kapitel von ‹Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst› (GA 27), ein Buch, von dem er sagte – dass der Inhalt in Zukunft einmal die ausgebildete Wissenschaft sein werde – den durchaus dramatischen Vorgang des Sich-Durchdringens der geistigen Wesenheit des Menschen mit der Erdenstofflichkeit im menschlichen Organismus als Ausgangspunkt alles Krankheits- und Therapieverständnisses beschreibt: «Wie man den gesunden Menschen nur durchschauen kann, wenn man erkennt, wie sich die höheren Glieder der Menschenwesenheit des Erdenstoffes bemächtigen, um ihn in ihren Dienst zu zwingen, und wenn man auch erkennt, wie der Erdenstoff sich wandelt, indem er in den Bereich der Wirksamkeit der höheren Glieder der Menschennatur tritt, so kann man auch den kranken Menschen nur verstehen, wenn man einsieht, in welche Lage der Gesamtorganismus oder ein Organ oder eine Organreihe kommen, wenn die Wirkungsweise der höheren Glieder in Unregelmäßigkeit verfällt. Und an Heilmittel wird man nur denken können, wenn man ein Wissen darüber entwickelt, wie ein Erdenstoff oder Erdenvorgang zum Ätherischen, zum Astralischen, zum Ich sich verhält.» Die Erdensubstanz wird also der Geist-Wesenheit des Menschen anverwandelt, «transsubstantiiert».

In einer von uns Menschen geschaffenen technisierten Welt leben – von der Natur zur Unternatur

Zur selben Zeit wie dieses Kapitel – kurz vor seinem Tod am 30. März 1925 – schrieb Rudolf Steiner auch den letzten Michaelbrief ‹Von der Natur zur Unternatur› (GA 26). Während alles, was wir in den Naturerscheinungen und ihren Gesetzmäßigkeiten vorfinden, noch von göttlich-geistigen Kräften des Kosmos durchdrungen ist, hat sich alle Technik rein aus irdisch-menschlichem Denken entwickelt, sie hat jeden Zusammenhang mit dem kosmisch-göttlichen Ursprung der Welt verloren. Wir haben es nicht mehr mit der Natur, sondern einer neu geschaffenen Unternatur zu tun. Diese materiell-leblose technologische Sphäre ist für den menschlichen Geist seelisch so durchsichtig wie ein Kristall, während die gottgeschaffene Natur, je weiter man erkennend in sie eindringt, immer tiefere Geheimnisse enthüllt. Die kühle, kristallklare Technik birgt keinerlei Geheimnisse, sie ist im Prinzip komplett durchschaubar (GA 73a, S. 439). Diese nach unten hin emanzipierte Natur ist in die Sphäre Ahrimans getaucht und «muss als solche begriffen werden. Sie kann es nur, wenn der Mensch in der geistigen Erkenntnis mindestens gerade so weit hinaufsteigt zur außerirdischen Übernatur, wie er in der Technik in die Unter-Natur heruntergestiegen ist.» (GA 26)

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Webseite der Wochenschrift lesen. Falls Sie noch kein Abonnent sind, können Sie die Wochenschrift für 1 CHF/€ kennenlernen.


Titelbild aus ‹Die Kunst des Heilens›, siehe Youtube: Die Kunst des Heilens/The Art of Healing, Episode 1–4