Das Geschenk der Pandemie

Das Geschenk der Pandemie

17 Februar 2022 Gerald Häfner 2196 mal gesehen

Manche Länder schaffen gerade die Corona-Maßnahmen ab, andere halten den Status und wieder andere verstärken die Maßnahmen. Louis Defèche sprach mit Gerald Häfner von der Sektion für Sozialwissenschaften über die derzeitige Situation in Deutschland in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum›.


Wie siehst du die Impfpflicht?

Wir hatten in Deutschland vor einem halben Jahr Bundestagswahl. Alle großen Parteien haben im Wahlkampf erklärt, mit ihnen werde es keine Impfpflicht geben. Das versprachen sie. Ich finde bemerkenswert, dass man so schnell sein Wort bricht. Das stärkt nicht das Vertrauen der Bevölkerung in Demokratie, Parlamente und Politik. Noch absurder ist natürlich, dass man die Impfpflicht zu einem Zeitpunkt plant, wo sich die Lage schon wieder völlig geändert hat. Das Virus mutiert ständig, was von Anfang an klar war. Im Moment sind Geimpfte genauso infektiös wie nicht Geimpfte, nur die Krankheitsverläufe sind etwas unterschiedlich. Das Virus durchbricht immer leichter die Immunabwehr des Menschen, man infiziert sich immer schneller, aber die Verläufe werden immer leichter. Jede Woche haben wir weniger Krankenhausbetten belegt, weniger Menschen, die behandelt werden müssen. Jede Woche haben wir weniger Todesfälle, viele haben sogar gar keine Symptome. Es gibt ganz wenige Menschen, die aufgrund von bestimmten Vorerkrankungen oder extremer Altersschwäche noch stark gefährdet sind. Die muss man schützen. Und es gilt, die Immunität der Menschen zu stärken. Das geht auch anders. Eine gesetzliche Impfpflicht für die gesamte Bevölkerung ist weder geboten noch sinnvoll.

Wie erklärst du, dass der Staat quasi autoritär handelt?


Es lebt eine Stimmung der Angst. Sie ist teils noch geschürt worden. Sie beruht auf einem extrem verengten und undifferenzierten Krankheitsverständnis, das nur auf das Virus starrt und als einzige (anfangs auch: finale) Lösung die Impfung sieht. Man zog in eine Art ‹Krieg› gegen das Virus (Emanuel Macron), denn man glaubte, gewinnen zu können. Andere, komplexere, differenziertere Sichtweisen konnten lange Zeit nicht durchdringen. So wurden Kinder und Erwachsene in den Lockdown geschickt und vielfach gerade das verboten, was Menschen hilft, stark zu werden gegen das Virus. Was punktuell richtig war, ist generell und langfristig gerade falsch. Denn das Virus wird nicht verschwinden. Wir müssen anfangen zu lernen, mit ihm zu leben.

Derzeit rollt das alte Denken weiter, weil es so auf Schienen gesetzt wurde, obwohl die Wirklichkeit sich ändert. Zwar sind die Inzidenzen hoch, aber die Erkrankungen gehen zurück und die Verläufe werden leichter. Das heißt: Wir beginnen, mit dem Virus zu leben. Aber Institutionen und Politik brauchen in manchen Ländern lange, um zu reagieren. Man ist wie gefangen im Gespinst der Gedanken von gestern. In Deutschland läuft jetzt die Debatte über eine Impfpflicht im Parlament. Das wirkt wie aus der Zeit gefallen. Aber es könnte auch eine Chance werden für eine individuelle und gemeinschaftliche Neubestimmung. Immerhin wurde die Abstimmung freigegeben. Das heißt, man betrachtet das nicht als eine parteipolitische Debatte, sondern als eine Gewissensfrage. Jede und jeder Abgeordnete muss also selbst nachdenken und entscheiden, wie sie oder er das sieht. Hilft ein Impfzwang oder nicht? Viele – auch Medien – werten das als Schwäche. Der Kanzler habe keine Autorität. Sie fordern ein Machtwort der Regierung. Das zeigt atavistische Denk- und Debattenformen.

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Website der Wochenschrift lesen.


Titelbild: Gerald Häfner