Prozessqualitäten in Steigbildern lesen lernen

Prozessqualitäten in Steigbildern lesen lernen

28 Januar 2024 Vesna Forštnerič Lesjak 437 mal gesehen

Das Projekt ‹Steigbildmethode als Grundlagenforschung zum besseren Verständnis der pflanzlichen Arzneimittel› erschließt anhand von Artemisia das Auswerten von Steigbildern.


Genau vor 100 Jahren, im Jahr 1923, ging Lili Kolisko (1889–1976) an die von Rudolf Steiner gestellte Aufgabe «Studieren Sie Gestaltungskräfte bei den Pflanzen» mit der Steigbild-Forschung an Pflanzensäften heran.[1] Ihre Arbeit bis dahin – die Potenzforschung mit den Messungen von Pflanzenorganen bei der Keimung – hatte sie auf Grundlage der Chromatographie in vielfältigen Ver­suchen mit verschiedenen Metallsalzen mit der sogenannten ‹Kapillar-Dynamolyse› als Methode verbunden und neu entwickelt. Heute ist diese als ‹Steigbildmethode› bekannt, die zu den bildschaffenden Methoden gehört. Lili Kolisko stellte sich landwirtschaftliche, astronomische, medizinische und pharmazeutische Fragen.

Nach diesem Impuls ist die Forschung in verschiedenen Richtungen vielversprechend weitergeführt worden, mit Forscher/in-nen wie Ehrenfried Pfeiffer, Agnes Fyfe, Magda Engquist, Maja Mewes und Rudolf Hauschka, bis zu zeitgenössischen Autor/in­-n/en wie Ruth Mandera[2], Hans-Joachim Strüh[3], [4] und Beatrix Waldburger[5], um nur einige zu erwähnen.

Auswertungskompetenz erwerben

Die Arbeit und die Methode selbst wurden an vielen Instituten (Forschungsinstitut am Goetheanum, CH; Strömungsinstitut Herrischried, DE), in Forschungsvereinen (Verein für Krebsforschung Hiscia, CH, mit Paul Doesburg und anderen), in Firmen (Wala und Dr. Hauschka, DE) und von vielen einzelnen Forscher/innen weiterentwickelt. Dadurch wurden auch die Erkenntnisgrenzen deutlicher, die die Methode im Bereich der ‹Qualität und Vitalität der Säfte› bietet, und sie konnten kritisch hinterfragt werden.[6]

Die Steigbilder sind weitgehend wiederholbar; gleichzeitig ist ihre Auswertung schwierig und bedarf einer gründlichen Schulung, um in den qualitativen Vergleich der Bilder in objektiver und trotzdem lebendiger Weise einzusteigen. Mithilfe bestimmter Auswertungskriterien und/oder schon begründeter Referenzreihen beziehungsweise -typen kann man sich zwischen den Steigbildern weitgehend nachvollziehbar bewegen. Diese Auseinandersetzung mit den Steigbildern fordert von der Forscherin, vom Forscher einerseits die Intensivierung der Beziehung zur Natur, andererseits die Schulung des lebendigen, umwandlungsfähigen Denkens. Das beginnt schon mit dem Schmecken und dem Riechen der Auszüge, mit der Betrachtung ihrer Farbe, ihrer Beschaffenheit und anderer Eigenschaften.

Die Steigbildmethode ist keine analytische Methode; sie zeigt nicht, welche Substanzen im Saft zu finden sind und in welcher Konzentration, sondern was mit den Substanzen im Verlauf, im Prozess passiert, ihre vielschichtigen Verwandlungen. So ist die Methode eigentlich nur als Begleitung eines Prozesses anwendbar, und daraus entsteht eine Sprache für die qualitative Änderung der Substanzen.

Für mich als Pharmazeutin sind die Steigbilder eine zusätzliche Bereicherung, um tiefere Einblicke in die Änderung der Pflanzenorgane im Jahreslauf zu gewinnen. Auch in den Organen wie einer mehrjährigen Knolle, die sich äußerlich in einem Jahr nicht so stark ändert, passiert im Jahreslauf in Verbindung mit den oberirdischen Organen viel; man kann das an der Än­derung der Farben und Formen sowie an der ganzen Dynamik, Harmonie und Ästhetik des Bildes erkennen. Ich konnte mithilfe der Steigbilder besser die Erntezeit bestimmen oder die Auswahl der Pflanzenorgane bei Neuentwicklungen begründen, weil die Steig­bilder beispielsweise sichtbar gemacht haben, wie tief der Blühimpuls zur Zeit der Blüte in andere Pflanzenteile hineinragte.[7], [8] Auch die Umwandlung der Säfte durch pharmazeutische Prozesse ließ sich verfolgen, was für die Heilmittel-Komposition von großer Bedeutung ist.

Forschung an Artemisia

Im März 2024 beginnen wir in der Naturwissenschaftlichen Sektion am Goethe­anum – in Zukunft in Verbindung mit anderen Instituten sowie Forscherinnen und Forschern, eventuell auch Firmen – ein zunächst fünfjähriges Forschungsprojekt mit der Gattung Artemisia als Schwerpunkt. Anhand von sechs Heilpflanzenarten aus dieser Gattung werden wir Veränderungen vor allem im Blattbereich dieser Pflanzen in ihrer vegetativen und generativen Phase mithilfe der Steigbildmethode verfolgen und diese Veränderungen mit den Vertretern anderer bitterer Gattungen und Familien vergleichen. Wir wollen auch dem Ver­ständnis der Bitterstoffe und Gerbstoffe als ‹zu Ende gekommene Prozesse› näherkommen.

Bei weiteren pharmazeutischen Fragen wird mit wässrigen pharmazeutischen Prozessen wie der Vorbereitung von Mazeraten, Infusen, Digestios, Dekokten und dergleichen sowie mit verschiedenen Lösungsmitteln und ihrer Konzentration geforscht. Es stehen wichtige Fragen im Bereich der Anthroposophischen Medizin und ihrer Arzneimittel vor uns, die gerade ihre Qualität in einem bestimmten Rahmen betreffen.

Forschungsgegenstand Qualität

Neben wichtigen analytischen Studien zur Wirksamkeit müssen auch für die Qualitätsmerkmale der anthroposophisch konzipierten Arzneimittel Grundlagen geschaffen und dokumentiert werden. Die Qualität gilt in den anthroposophischen Arzneimitteln als das wichtigste Prinzip, ist aber wenig erforscht. Im Projekt werden einige Materialien erarbeitet, die erlauben, solche Qualitätsunterschiede vergleichend zu dokumentieren. Damit hoffen wir, einen Beitrag für die Zukunft der Anthroposophischen Medizin zu leis­ten.


Fußnoten

1. Eugen und Lili Kolisko: Landwirtschaft der Zukunft, 2. Teil, Kapitel XVIII, 1953
2. Ruth Mandera: Zur Metamorphose von Pflanzenorganen, Substanzqualitäten und Bildtypen im Steigbild, in: Jahrbuch für Goetheanismus, 1995, Seiten 298–310
3. Hans-Joachim Strüh: Zu den stofflichen Verhältnissen und zur zeitlichen Entwicklung von pharmazeutischen Prozessen, in: Jahrbuch für Goetheanismus, 1995; Seiten 260–284
4. Hans-Joachim Strüh: Grundlegende Phänomene bei der Ausbildung der Steigbildformen. Bildtypen und pharmazeutische Prozesse, in: Elemente der Naturwissenschaft, 1987, Seiten 22–35
5. Beatrix Waldburger: Faszination Steigbilder, 2023
6. Hans-Joachim Strüh: Die Steigbildmethode – ein kritischer und weiterführender Überblick, in: Jahrbuch für Goetheanismus, 2023, Seiten 117–153
7. Vesna Forštnerič, Jan Albert Rispens: Begleitung dreier Zyklamenarten im Jahreslauf mit der Steigbildmethode, in: Der Merkurstab, 2014, 67(6), Seiten 466–472
8. Vesna Forštnerič Lesjak, Patricija Šenekar: Wilde Karde und Borreliose – ein Brückenschlag. Ein goetheanistisch-anthroposophischer Erkenntnisweg zur Entwicklung neuer Heilmittel. Verlag Sapientia, 2024

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100 Jahre Hochschule und ihre heutige Forschung

Mit der Weihnachtstagung 1923/24 wurde auch die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft inauguriert. Im Vorfeld der 100-Jahr-Feier hat die heutige Goetheanum-Leitung aktuelle Forschungsvor­haben der Hochschule in der Broschüre ‹Einblicke› dokumentiert. Einige der Projekte werden in ‹Anthroposophie weltweit› vorgestellt, beginnend mit Projekten zur Wahrnehmungs­schulung.
Sebastian Jüngel