Sinneslehre von Rudolf Steiner

Sinneslehre von Rudolf Steiner

28 Januar 2024 Christiane Haid 3919 mal gesehen

Die Inkarnation auf der Erde ist Grundlage für die Entwicklung des Ich. Die Beziehung der Begegnungsqualität zu den höheren Sinnen ist Gegenstand des Projekts ‹Wissen­schaftliche Aufarbeitung der Sinnes­lehre Rudolf Steiners›.


Durch Technisierung und Digitalisierung hat sich in den letzten Jahrzehnten ein dramatischer Sinnesverlust[1] eingestellt, der eine gesunde Sinnestätigkeit stark einschränkt und gefährdet. Dies führt den Menschen mehr und mehr in mechanische Prozesse hinein und automatisiert seine Handlungen. Damit einhergehend schwindet die Fähigkeit, der Natur und dem anderen Menschen sensibel und die tieferen Wesensschichten erkennend gegenüberzutreten.

Die sinnliche Erfahrung der Welt ist für das Ich-Erleben jedoch unabdingbar, sie ist sogar die besondere Schulung des Ich auf der Erde, ohne die es nicht objektiv werden kann. Rudolf Steiner geht meistens über die in der Wissenschaft anerkannten acht bis neun Sinne hinaus und beschreibt als drei neu hinzukommende Sinne den Laut- beziehungsweise Sprachsinn, den Gedankensinn, auch Begriffsinn genannt, und den Ichsinn.

Bedingungen einer Ich-Erfahrung

Der Ichsinn ermöglicht uns, ein anderes Ich wahrnehmen zu können. Durch die tech­nischen Medien wird dieser Sinn besonders gefährdet, da er in seiner Entwicklung auf die physische Präsenz des anderen Ich angewiesen ist, wie Rudolf Steiner ausführt: «[D]ieses innerlich Sie beseelende Ich ist nicht das gleiche wie der Ichsinn […] So wie durch das Auge Hell und Dunkel und Farben wahrgenommen werden, so werden durch den Ichsinn die anderen Iche unmittelbar wahrgenommen. Es ist ein Sinnenverhältnis zum Ich. Das muss man erleben. Und ebenso, wie die Farbe durch das Auge auf mich wirkt, so wirkt das andere Ich durch den Ichsinn. Wir werden, wenn die Zeit dazu gekommen sein sollte, auch ebenso von den Sinnesorganen für den Ichsinn sprechen, wie man von den Sinnesorganen für den Sehsinn, für den Gesichtssinn sprechen kann. Es ist da nur leichter, eine materielle Manifestation anzugeben, als für den Ichsinn. Aber vorhanden ist alles.»[2] Damit stellt sich die Frage, ob zur Wahrnehmung eines anderen Ich durch den Ichsinn die physische Präsenz[3] des anderen Menschen notwendig ist oder nicht.

In beiden Fällen muss diese Frage an­gesichts der starken Präsenz der Medien radikal ernst genommen werden, auch eingedenk der neuesten technischen Entwicklungen, die es möglich machen, ausgehend von einem kurzen Video einen Avatar (künstliches Double) herzustellen, der anstelle des wirklichen Menschen präsentiert werden kann. Gerade diese technischen Neuerungen heben die Brisanz der drei höheren Sinne und die Frage nach der Erkennbarkeit künstlich erzeugter Produkte noch schärfer hervor. Auch der Gedankensinn und der Sprachsinn bedürfen kulturell einer intensiven Übung und eines Verständnisses, um nicht auf reine Informationsvermittlung reduziert zu werden.

Für die soziale und die pädagogische Begegnung zwischen Menschen ist der Wert der real sich ereignenden, auf physischer Präsenz beruhenden Begegnungen kaum mehr zu unterschätzen. Als verkörperter Mensch[4] brauche ich für die auf der Ich-Ebene basierte Begegnung mit dem anderen Menschen seine physische Anwesenheit. Ist sie nicht gegeben, stellt sich die Frage, ob eine Begegnung von Ich zu Ich überhaupt möglich ist.

Die Dimensionen dieser Fragen sollten erkannt und erforscht werden, um die medial vermittelten Begegnungen ent­sprechend realistisch einschätzen zu können und andererseits eine allgemein-menschliche Kultur des sozialen Umgangs zu pflegen. Damit ist keiner Medienfeindlichkeit das Wort geredet, es geht vielmehr darum, die Bedingungen einer Ich-Erfahrung zu ver­stehen. Man kann sehen, dass es hier reichlich Forschungsbedarf gibt, gerade in Hinblick darauf, das physische Organ des Ich-Sinns zu ent­decken.

Gesamtdarstellung der Sinneswissenschaft

Bisher hat es einzelne Darstellungen – insbesondere der zwölf Sinne – von anthroposophischen Autoren gegeben. Daran gilt es anzuschließen. Rudolf Steiners Schrift ‹Anthroposophie. Ein Fragment› (GA 45) bildet hierfür den Ausgangspunkt. Die weiteren, teils unvollständigen und verstreuten Bemerkungen wie Ausführungen mit reichen zusätzlichen Gesichtspunkten in Vorträgen und Texten sind hinzuzuziehen und so zu bearbeiten und darzustellen, dass sie fruchtbar gemacht werden können.

Ein Ziel ist eine Gesamtdarstellung der Sinneswissenschaft Rudolf Steiners, die, eine Rezeption der Wahrnehmungsforschung eingeschlossen, dem wissenschaftlichen Stand der akademischen Forschung Rechnung trägt und die das Thema einem breiteren Publikum nahebringt. Ein weiteres Ziel ist, ein Verständnis der zentralen Aufgabe der Sinne für den Menschen und sein freies Ich zu vermitteln, das sich den informationsgebundenen routinierten oder automatisierten Handlungsweisen an die Seite stellt.

Die Entdeckung, wie das Ich-Organ ausgebildet wird, ist unter anderem eine Frage an die medizinische Forschung. Rudolf Steiners Ansätze sind in ihrer Originalität für die medizinische Forschung in der Neurologie, Psychologie, Kognitionsphilosophie, der Phänomenologie sowie für Pädagogik und Anthropologie von hoher Relevanz und können ganz neue Gesichtspunkte zum Verständnis der Verbindung von Leib/Körper, Seele und Geist eröffnen.

Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen

Das Projekt ‹Wissenschaftliche Aufarbeitung der Sinneslehre Rudolf Steiners› versammelt Mitwirkende aus verschiedenen Diszi­plinen wie Medienpädagogik, Medizin, Kunst, Literatur­wissenschaft und Philosophie.

Seit 2018 wurden bereits drei Tagungen zu ‹Anthroposophie. Ein Fragment› durch­geführt, eine weitere findet von 15. bis 17. März 2024 zum Thema ‹Ich als Gemeinschaft – das offenbare Geheimnis der oberen Sinne› am Goetheanum statt. Seit 2020 wurde ein interdisziplinäres ‹Kolloquium Sinneswissenschaft› innerhalb der Sektion für Schöne Wissenschaften eingerichtet, das sich zweimal im Jahr trifft und die Ergebnisse der Arbeit in öffentlichen Tagungen und Publikationen vermittelt (‹Stil›, Ostern 2022).

Das Projekt ist auf fünf bis sieben Jahre angelegt und umfasst mindestens ein bis zwei Stellen.


1. Hartmut Böhme und Gernot Böhme: Das Andere der Vernunft, Frankfurt 1989; Horst Rumpf: Die übergangene Sinnlichkeit. Drei Kapitel über Schule, 1981
2. Rudolf Steiner: GA 170, 16. August 1916, 1992, Seite 111f.
3. Siehe auch Rudolf Steiner: GA 45, Kapitel II; GA 40, Dornach 2009, Seite 21
4. Siehe auch Thomas Fuchs: Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verkörperten Anthropologie, 2020

Literatur (Auswahl)

Rudolf Steiner: GA 45
Hans Jürgen Scheuerle: Die Gesamt-Sinnes-Organisation. Überwindung der Subjekt-Objekt-Spaltung in der Sinneslehre, 1984
Wolfgang-Michael Auer: Sinnes-Welten. Die Sinne entwickeln, Wahrnehmung schulen, mit Freude lernen, 2007
Friedrich Edelhäuser: Wahrnehmen und Bewegen. Grundlage einer allgemeinen Bewegungslehre, 2022

Spenden
Wissenschaftliche Aufarbeitung der Sinneslehre Rudolf Steiners

100 Jahre Hochschule und ihre heutige Forschung

Mit der Weihnachtstagung 1923/24 wurde auch die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft inauguriert. Im Vorfeld der 100-Jahr-Feier hat die heutige Goetheanum-Leitung aktuelle Forschungsvor­haben der Hochschule in der Broschüre ‹Einblicke› dokumentiert. Einige der Projekte werden in ‹Anthroposophie weltweit› vorgestellt, beginnend mit Projekten zur Wahrnehmungs­schulung.
Sebastian Jüngel