«Unsere Zukunft sieht gleich aus»

«Unsere Zukunft sieht gleich aus»

28 November 2022 Andrea de la Cruz 3075 mal gesehen

‹Frage! Begegne! Spiele!› ist ein inklusives Kunstprojekt, das junge Asylsuchende in der Schweiz und junge Menschen aus Eu­ropa zusammenbringt.


Teilnehmende mit und ohne Fluchterfahrung lebten und arbeiteten von 9. bis 16. Oktober gemeinsam in der Umgebung des Goetheanum. Unter Anleitung von Mitgliedern und Mitarbeitenden der Jugend­sektion schufen sie ein Theaterstück auf Grundlage ihrer biografischen Erfahrungen. Teile des Drehbuchs und der Musik, Bühnenbild und Kostüme entstanden aus dem Zusammenspiel von Fähigkeiten und gemeinsamer Initiative heraus.

Das Projekt fand erstmals 2021 statt – in Zusammenarbeit mit Movetia, dem ‹Ini­tiativforum für Geflüchtete› der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners (DE) und dem Zentrum für Asylsuchende der Caritas Degenbalm (CH). 2022 arbeitete die Jugendsektion auch mit dem Necessary Teacher Training College (DK) und der Monte Azul Community Association (DE, BR) zusammen. Zur diesjährigen Gruppe gehörten 24 Menschen im Alter von 17 bis 30 Jahren aus zwölf Ländern in Asien, Australien, Europa, Süd- und Nordamerika sowie im Nahen Osten.

Leben im Dazwischen

Während der Vorbereitungsmonate beschäftigte sich das Anleitungsteam mit postpandemischen Fragen. Ein zentrales Thema war die Erkenntnis, dass sich das Leben an Schwellen oder ‹zwischen Welten› entfaltet, als Ergebnis von ‹Vorher-Nachher-Momenten›. ‹Was (oder wer) leitet uns in diesen Momenten?› wurde zu einer Leit­frage des Prozesses.

Die Erkundung der Komplexität von Biografien, unserer digitalen, globalen Gesell­schaften, des Wesens der Beziehungen zu sich selbst, zu anderen und zur geistigen Welt regte das Team dazu an, Respekt für die Ungewissheit und die Zartheit des menschlichen Lebens zu entwickeln – und den Entwurf für ein Theaterstück.

In den Wochen vor der Ankunft der Teilnehmenden – während der Michaeli-Zeit – arbeiteten die Teammitglieder auch mit Rudolf Steiners Hinweisen zu einem möglichen zukünftigen Michael-Fest. Die Frage, wie wir dazu kommen können, die jedem Menschen innewohnende Würde, unabhängig von Ethnie, Nationalität oder kultureller Zugehörigkeit, anzuerkennen, begleitete sie durch den Prozess.

Ohne Vorurteile, ohne Mitleid

Während der Woche arbeiteten sie künstlerisch und biografisch. Die Teilnehmenden wurden darin angeleitet, nachzuvollziehen, was sie in den gegenwärtigen Moment gebracht hat. «Unsere Biografien sind völlig unterschiedlich, aber unsere Zukunft sieht gleich aus – sie ist unbekannt», sagte jemand aus Argentinien nach der Biografiearbeit mit einem Teilnehmer aus Afgha­nistan. In den künstlerischen Arbeitsgruppen arbeiteten die Teilnehmenden aus ihrer Begeisterung und ihrem Engagement für das Projekt heraus an der Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft (der abschließenden Aufführung).

Am 15. Oktober, nur sechs Tage nach dem ersten Kennenlernen, besuchte die Goetheanum-Gemeinschaft ihre Work-in-progress-Aufführung am Felsli. Eine Stimme aus dem Publikum: «Es war sehr inspirierend zu sehen, dass man in nur einer Woche die tiefe Verbundenheit der Teilnehmenden untereinander spüren konnte, ohne Vorurteile, ohne Mitleid. Es sah aus wie eine Begegnung, auf der man aufbauen konnte, bei der Sprachunterschiede, Fähigkeiten und individuelle Bedürfnisse einbezogen wurden. Aus dieser Begegnung entsteht eine besondere Freundschaft, die auf dem Wissen beruht, dass der andere da ist. Es sind keine oberflächlichen Begegnungen, sondern dieses Projekt bringt die Menschen wirklich zusammen.» Das Projekt soll im Jahr 2023 erneut stattfinden.

Über den diesjährigen Prozess wird ein Dokumentarfilm auf der Webseite der Jugend­sektion zu finden sein. Derzeit sind dort ein Bericht und ein Video über das Projekt 2021 zu sehen.


Web Jugendsektion

Kontakt mail@youthsection.org