You never farm alone

You never farm alone

09 Januar 2026 Wolfgang Held & Ueli Hurter & Eduardo Rincón 32 mal gesehen

Die Herausforderungen der biologisch-dynamischen Landwirtschaft sind soziopolitisch und ökonomisch hoch. Die Landwirtschaftliche Sektion antwortet darauf in der Jahrestagung vom 4. bis 7. Februar mit dem Thema ‹Gemeinschaft›. Ein Gespräch von Wolfgang Held mit den Sektionsleitern Ueli Hurter und Eduardo Rincón.


Wie seid ihr auf den Titel gekommen? Er erinnert an den Song ‹You’ll never walk alone›?

Ueli Hurter Der Ursprung ist ein anderer: Wir waren vergangenes Jahr mit dem Vertreterkreis der Sektion im flämischen Teil Belgiens. Dort gibt es eine industrialisierte Landwirtschaft, wie ich sie noch nicht gesehen habe: sieben Kühe pro Hektar. In diesem ökologisch absurden Setting gibt es einen kleinen Demeterhof, den zwei 35-Jährige mit ihrem Team bewirtschaften, und zwar erfolgreich. Sie bilden fünf Gemeinschaften in und um den Hof. Auf dem Hof ist es eine Arbeitsgemeinschaft, dann haben sie ein Abonnement-System mit Kunden und eine Kooperation mit anderen Höfen für den Anbau und eine Kooperation, um in Gent mit anderen Höfen einen Laden zu betreiben. Jetzt gibt es eine weitere Gemeinschaft, um das Land zu kaufen. Sie leben, wo man eigentlich nicht leben kann, weil sie Gemeinschaften haben. Einer der Gründungsväter des Hofes hat diesen Slogan geprägt: ‹You never farm alone›.

Eduardo Rincón Jeder Ort bietet seine Möglichkeiten, stellt eigene Aufgaben. Was überall zählt, ist, dass sich Schwierigkeiten leichter bewältigen lassen, wenn da eine Gruppe ist, die sagt: «Wir schaffen das!» So ist es bei diesem Hof in Belgien. Gemeinsam entwickeln sie Lösungen für die Fragen von Landbesitz, Formen des Handels und Kooperationen aller Art.

Bei dem Song, der in Sportstadien skandiert wird, heißt es ja: ‹You’ll never walk alone›. Das ist Futur, ein Versprechen. Ihr sprecht von der Gegenwart!

Hurter So ist das Erlebnis: Ich bin allein in meiner Arbeit und niemand kümmert es, ob es mir gut geht, ob ich bewältige, was es zu tun gibt. ‹You never farm alone› heißt: Schau um dich: Du bist nicht allein!

Das Gefühl ist trügerisch?

Hurter Ja, in beiden Fällen. Wenn man sich auf das ‹You never farm alone› verlässt, ist es trügerisch, wenn man sich völlig allein empfindet, ebenso. Wir sind heute Einzelgänger, wir sind antisozial geprägte Individualwesen. Deshalb können wir nicht mehr Gemeinschaften bilden wie früher. Es mag in den Gründerjahren einer Initiative gelingen, sich romantisch als Gemeinschaft zu fühlen, doch dann wird es tägliche Arbeit, um als Gemeinschaft zu gelingen. Das ist das Thema unserer Tagung: Wir wollen mit uns heutigen eigenständigen und einsamen Menschen rechnen.

Rincón ‹You never farm alone› ist Affirmation und Provokation. Wir sagen es zum Bauer, zur Bäuerin, die morgens um vier Uhr die Kuh melken und sich fragen: «Was mache ich hier? Niemand hilft mir im Stall, niemand sieht mich und meine Produkte!» Es ist auch eine Einladung als Frage: «Bist du wirklich allein?» Und man beginnt zu überlegen: Da gibt es die unmittelbare Gemeinschaft auf dem Bauernhof, dann kommt die Familie hinzu, dann die Händler, Wissenschaftlerinnen, all diese Gruppen, die im weiteren Sinne zum Hof dazugehören. Im spirituellen Sinne kommen die Verstorbenen hinzu. Können wir mit ihnen in Kontakt treten und ihnen Fragen stellen, wie auch unseren Engeln?

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Webseite der Wochenschrift lesen. Falls Sie noch kein Abonnent sind, können Sie die Wochenschrift für 1 CHF/€ kennenlernen.


Jahrestagung der Sektion für Landwirtschaft vom 4. bis 7. Februar 2026.

Bild Ueli Hurter und Eduardo Rincón, Foto: W. Held