«Bei uns genießt Rudolf Steiner ungeteilte Aufmerksamkeit»

«Bei uns genießt Rudolf Steiner ungeteilte Aufmerksamkeit»

05 Mai 2026 Wolfgang Held & Angelika Schmitt & Philip Kovce 38 mal gesehen

Angelika Schmitt und Philip Kovce leiten seit 2025 das Rudolf Steiner Archiv. Ein Blick zurück und voraus mit Wolfgang Held.


Der Festakt zum Abschluss der über 450 Bände umfassenden Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA) steht vor der Tür. Und ihr leitet nun seit etwa einem Jahr das Rudolf Steiner Archiv, also seit Steiners 100. Todestag am 30. März 2025. Was war bisher Schwerpunkt der Arbeit?

Angelika Schmitt Zunächst haben wir ein halbes Jahr unserem Amtsvorgänger David Marc Hoffmann assistiert. Wir konnten dabei alles anschauen und kennenlernen. Dann haben Philip und ich zwei Tage nach Steiners 100. Todestag die Archivleitung übernommen. Der Übergang war fließend und gelang erstaunlich gut. David Marc Hoffmann hat uns nach und nach Verantwortung übertragen. So haben wir schon bald nach unserem Einstieg Sitzungen geleitet. Nach unserem Amtsantritt wurde es recht turbulent, denn binnen weniger Monate brachen wichtige administrative Grundlagen weg: Erst ist unser IT-Dienstleister gestorben und hat viele Passwörter buchstäblich mit ins Grab genommen. Dann kündigte der Hauswart. Und schließlich starb plötzlich und unerwartet unsere Buchhalterin. Es war also ein dramatisches Jahr mit gewaltigen Herausforderungen, weil wir die Lücken so gut wie möglich füllen und neue Mitarbeitende in Tätigkeiten einarbeiten mussten, die wir selbst noch gar nicht überschauten.

Und das, während ihr euch auf der Zielgeraden befindet, die Gesamtausgabe abzuschließen.

Schmitt Das war die eigentliche Herausforderung, ja. Sieben GA-Bände sind 2025 noch fertiggestellt worden und zugleich ging es für Philip und mich schon darum, uns Gedanken über die Zukunft des Archivs zu machen. Zum Glück waren die GA-Bände bereits länger in Arbeit, sodass wir sie editorisch nur begleiten und letzte Fragen klären mussten. Schwieriger war es, die Zukunft zu konkretisieren, eine Vision und Strategien zu entwerfen. Dies geschah gemeinsam mit dem vielköpfigen Stiftungsrat der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung.

Ein ereignisreiches Jahr!

Philip Kovce Ja. Ich könnte noch etwas ergänzen, nämlich drei ganz unterschiedliche Phasen des Erlebens während der Einarbeitungszeit. Phase eins war geprägt von Faszination: Jeden Tag führte uns David Marc Hoffmann durchs Archiv. Tag für Tag konnten wir die Bestände weiter erkunden. Das war ein schöner, aber natürlich kein Dauerzustand. Phase zwei war dann persönlich eher ernüchternd: Der Laden läuft doch! Was braucht es mich da noch? Bin ich hier nicht überflüssig? In Phase drei kehrte sich diese Empfindung dann um: Es fehlt an allen Ecken und Enden! Es braucht uns überall! Wo gilt es als Erstes anzupacken?

Was hat das Steiner-Gedenkjahr 2025 geprägt?

Schmitt Für mich gehört vor allem die Ausstellung zu Rudolf Steiners schriftlichem Werk, die wir im März 2025 im Haus Duldeck eröffnet haben, zu den prägenden Ereignissen des Gedenkjahres. Und auch zu unserem gelungenen Einstieg ins Archiv. Wir waren in die Planung der Ausstellung mit einbezogen und konnten uns dadurch intensiv mit Rudolf Steiner als Autor, Redakteur und Herausgeber auseinandersetzen. Und wir konnten uns im Archiv selbstständig auf Entdeckungstour begeben: Welche Archivalien besitzen wir eigentlich? Wie sind sie geordnet? Wo befinden sie sich? Was lässt sich sinnvoll in einer Ausstellung zeigen? Für mich war das ein wunderbarer Einstieg, so unmittelbar in Kontakt mit den Archivalien zu kommen.

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Webseite der Wochenschrift lesen. Falls Sie noch kein Abonnent sind, können Sie die Wochenschrift für 1 CHF/€ kennenlernen.


Titelbild Archivschrank mit Manuskript der ‹Geheimwissenschaft›