Bis hierher und weiter

Bis hierher und weiter

06 Mai 2026 Wolfgang Held 31 mal gesehen

Zum Festakt des Abschlusses der Gesamtausgabe Rudolf Steiners waren die 453 Bände auf der Goetheanum-Bühne ausgebreitet. In Grußworten und Erinnerungen ging es um großen Dank und leise Mahnung.


Cornelius Bohlen, Vorsitzender der Nachlassverwaltung, sprach als Erster, und nannte diese Gesamtausgabe die größte der Welt: Es gab in den vergangenen 100 Jahren nach Steiners Tod kein Jahr, in dem nicht eine Neuerscheinung von ihm erschienen ist. Tatsächlich: Goethes Weimarer Edition mit 143 Bänden zusammen mit Voltaires Œuvres complètes mit aktuell 205 Bänden erreicht nicht Steiners Textvolumen. Dann ein Lacher im Saal, als Bohlen ankündigte, dieses Werk in einem Satz aus einem Brief Rudolf Steiners (1902) zu verdichten: «Ich will auf die Kraft bauen, Geistesschüler auf die Bahn der Entwicklung zu bringen.» Er ergänzte aus einem späteren Brief (1905), Steiner sei sich bewusst, dass der Aufbau der Geisteswissenschaft die Gefahr einer Verführung zum schlimmsten Materialismus berge – bei den Theosophen und den Anthroposophen. Eine nicht verdaute Geisteswissenschaft führe zu Irrtümern und Dogmatismen. Dann: Die von Marie Steiner begründete Nachlassverwaltung und das Goetheanum mit seiner Freien Hochschule würden heute frei zusammenarbeiten in Unabhängigkeit. «Was gibt es Schöneres?», fragte er.

Transkribieren, editieren, digitalisieren!

Es folgte Harald Liehr, Programmleiter für Literatur- und Kulturwissenschaften im Schwabe-Verlag, wo auch anthroposophische Bücher erscheinen. Liehr erinnerte, dass mit Gründung im Jahr 1488 der Schwabe-Verlag der weltweit älteste noch bestehende ist. Als «externer Sympathisant von der Seitenlinie aus» nannte er die Gesamtausgabe ein «Universum der Gelehrsamkeit und philologischen Akkuratesse, das seinesgleichen sucht in der societas literarum weltweit». «Cui bono? Wem nützt das?», fragte er und antwortete, das Textgebirge könne nun auf trittsicheren Pfaden durchschritten, erklommen und vermessen werden. Die Enthusiasten, die Exegeten, die Kritiker, die Verächter Rudolf Steiners – sie alle müssen sich den Texten stellen, sie studieren und zumindest zur Kenntnis nehmen. «Neben der Unverlierbarkeit der Texte Rudolf Steiners in nachprüfbaren und damit wissenschaftlich diskutablen Darreichungsformen bietet die Ausgabe eine solide Basis für das, was an neuen, heute möglicherweise noch gar nicht absehbaren Nutzungsformen auf Steiners Œuvre zukommt.» Was jetzt, so Liehr, in rasantem Tempo genommen sei, sei eine ‹wichtige Zwischenetappe›, denn die Arbeit des Rudolf Steiner Archivs und -Verlags müsse fortgeführt werden. Alle die, die gehofft hätten, dass es nun genug sei mit Philologenfleiß und dem Abholzen finnischer Wälder zur Herstellung von alterungsbeständigem Papier für den Druck, müsse er enttäuschen: Die Arbeit hört nicht auf. Es muss und soll weiter transkribiert, ediert und digitalisiert werden. Dabei gehe es nicht darum, «Steiners Gedanken unter noch höheren Bücherbergen zu begraben, sondern darum, Schritt zu halten mit den Forschungs- und Rezeptionsbedürfnissen aktueller wie künftiger Generationen. Er schloss mit dem ‹Wahlspruch aller Editionsphilologen›: «Bis hierher und weiter», dankte dem Rudolf Steiner Archiv und rief: «Bleiben Sie, bleiben wir, gewogen, den Büchern Rudolf Steiners und den anderen auch.»

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Webseite der Wochenschrift lesen. Der Artikel ist frei verfügbar. Ausserdem können Sie die Wochenschrift für 1 CHF/€ kennenlernen.