Das Leben verstehen

Das Leben verstehen

15 Februar 2026 Wolfgang Held & Eduardo Rincón 84 mal gesehen

Eduardo Rincón, Co-Leiter der Sektion für Landwirtschaft seit Sommer 2024, im Gespräch mit Wolfgang Held über Anthroposophie, das Leben und sein Geheimnis innerer Ruhe und Gelassenheit.


Gibt es eine anthroposophische Idee, die dich leitet?

Ja, das ist die Idee von uns Menschen. Wie Anthroposophie uns Menschen beschreibt, das leitet mich seit einiger Zeit. Angesichts all dessen, was heute in der Welt auf allen Ebenen geschieht, glaube ich, dass Menschwerden nicht nur eine Option, sondern eine Priorität ist, angefangen bei der inneren Entwicklung unserer Seelen und unseren Interaktionen mit anderen Wesen über unsere Beziehung zur Erde und zum Kosmos bis hin zum tiefsten Geheimnis unserer Zeit. Das lässt sich auf vielfältige Weise betrachten: Für mich sind Liebe und Freiheit zentrale Aspekte des Menschwerdens, und die Arbeit mit der Erde in der Landwirtschaft ist ein idealer Weg, um menschliche Qualitäten zu entwickeln, wenn man sich dafür entscheidet.

Und ist dir etwas in der Anthroposophie fremd geblieben?

Die Anthroposophie ist ein so weitläufiger und tiefgründiger Wissensweg, dass es da viele unbekannte Regionen für mich gibt. Vor meiner Ankunft in Europa hatte ich zum Beispiel wenig Kontakt zu den Mysteriendramen, da sie in Mexiko nicht aufgeführt wurden. Letztes Jahr und diesen Winter hatte ich die Gelegenheit, mich intensiv mit ihnen zu beschäftigen, da sie während der Heiligen Nächte im Goetheanum aufgeführt wurden. Meine Frau und ich haben uns im Voraus damit beschäftigt, und als wir dann in den großen Saal gingen und sie uns ansahen, hatte das eine tiefgreifende Wirkung auf mich. Die Möglichkeit, in die Mysteriendramen einzutauchen, ist ein bedeutendes Erlebnis, da ich vieles auf die Verbindung zu den Gruppen und Gemeinschaften übertragen kann, mit denen wir arbeiten. Das ist aufschlussreich. Ich denke, das ist eines der Dinge, die das letzte Jahr für mich so besonders gemacht haben. Ich finde, dass sie in engem Zusammenhang mit unserer Arbeit in der Landwirtschaftlichen Sektion und unserer Bewegung stehen und mit dem Thema unserer diesjährigen Konferenz: Lebendige Gemeinschaften für die Zukunft.

Welches Buch liegt gerade auf deinem Tisch?

Ich habe mehrere Bücher auf meinem Tisch, da ich ständig für meine Arbeit und meine persönliche Entwicklung lese. Derzeit vertiefe ich mich in Rudolf Steiners ‹Leitsätze und Michaelbriefe› und sein Buch ‹Anthroposophie. Ein Fragment›. Dies dient meiner persönlichen Forschung und auch meiner Arbeit. Ich kombiniere das mit anderen Lektüren, die mir unterschiedliche Perspektiven auf das Leben vermitteln. Ich habe ein Buch entdeckt, das einen historischen Rückblick auf die Ereignisse in Deutschland Mitte des 18. Jahrhunderts gibt, insbesondere in Jena. Wie allgemein bekannt ist, handelt es sich um die Geschichte von Wolfgang von Goethe und Caroline Schlegel Schelling, die im Zentrum dieser kreativen Welt standen, in der Fichte, Hegel, Alexander von Humboldt, Novalis, Schelling und Schiller zu dieser beeindruckenden Zeit in Jena lebten. Das gefällt mir sehr gut, weil es all meine Leidenschaften miteinander verbindet: die Natur, die Naturwissenschaften, indirekt auch die Landwirtschaft, die Kunst und natürlich die Entwicklung Goethes und die Keime dessen, was später zur Anthroposophie wurde.

Was machst du, um Hoffnung zu bewahren und zu entwickeln?

Um mir meine Hoffnung zu bewahren, habe ich großes Glück, denn aus irgendeinem Grund in meinem Leben, vielleicht aufgrund meines Karmas, bin ich ein hoffnungsvoller Mensch. Ich wache jeden Morgen voller Hoffnung und Enthusiasmus auf. Ich habe diese Eigenschaft, mit der ich glücklicherweise gesegnet bin, immer gepflegt. Der Aufenthalt in der Natur, das Lesen und Schreiben über Landwirtschaft, Natur und Kunst sind meine schützenden Quellen, damit ich hoffnungsvoll bleiben kann und die Gewissheit habe, dass das Leben einen Sinn hat. Wir können uns sehr glücklich schätzen, in diesem Moment der Geschichte – in diesem Moment des Lebens, in dem die Dinge so chaotisch sind, aus dem Rhythmus geraten, keinen Sinn mehr ergeben und wo scheinbar keine Regeln mehr gelten –, die Anthroposophie zu haben. Sie gibt uns Orientierung und Anleitung, was wir in unserer Welt heute tun können.

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Webseite der Wochenschrift lesen. Falls Sie noch kein Abonnent sind, können Sie die Wochenschrift für 1 CHF/€ kennenlernen.


Titelbild Bild Eduardo Rincón, Foto: Xue Li