Dem Hüter der Schwelle begegnen

Dem Hüter der Schwelle begegnen

31 Oktober 2019 Andreas Neider 36 mal gesehen

Etwa 40 Menschen kamen von 11. bis 13. Juli 2019 zum Netzwerktreffen der seit 2006 bestehenden Goetheanum-Meditation-Initiative-Worldwide in der Waldorf-schule in der Nähe von Avignon zusammen. Thema war der Hüter der Schwelle. Das Treffen fand auf Deutsch und Englisch statt.


Nach dem letztjährigen Treffen in Den Haag (NL) hatten sich die Netzwerker aufgrund der in Frankreich immer wieder durch Sektenvorwürfe bedrängten Waldorfbewegung, die auch die Anthroposophische Gesellschaft in Mitleidenschaft gezogen haben, für Avignon (FR) entschieden, um die Anthroposophie in Frankreich zu unter-stützen und sich mit den Verhältnissen vor Ort näher vertraut zu machen. Das Treffen hatten Willem Meesters von der Waldorflehrerausbildung Didascali und Alain Tessier, Mitglied im Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Frankreich, vorbereitet, unterstützt von René Becker, Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in Frankreich.

Die Netzwerkinitiative befindet sich personell im Umbruch, da viele der ursprünglichen Initiatoren nicht mehr dabei sind; dafür haben sich seit einem Jahr neu Hinzugekommene mit der Initiative verbunden. Joan Sleigh begleitet die Initiative seitens des Vorstands am Goetheanum nach wie vor; seitens der Goetheanum-Leitung Christiane Haid.

Hüter und Lehrer

Die Initiative entstand, um für die anthroposophische Meditation und ihre verschiedenen Formen einen Raum für Austausch und gemeinsame Forschung zu bilden, auf der Grundlage der Mantren der 19 Klassenstunden. Nachdem 2018 der Zusammenhang der 19. mit der 1. Klassenstunde behandelt worden war, ging es in diesem Jahr um die Begegnung mit dem Hüter der Schwelle. Ursula Flatters aus Järna (SE) gab einen Überblick über die Verwandlung der Gestalt des Hüters der Schwelle in den 19 Klassenstunden. Die Art, wie er sich dem Meditierenden zuwendet, ihn begleitet und führt, verändert sich von Stunde zu Stunde deutlich, wobei er von Anfang an nicht nur der Schwellenhüter, sondern auch der Lehrer ist, der den Meditierenden durch die verschiedenen Bereiche der geistigen Welten hindurch geleitet.

Wolfgang Tomaschitz, Generalsekretär der Anthroposophischen Gesellschaft in Österreich, führte anhand der vierten Meditation aus Rudolf Steiners Meditationsbuch ‹Ein Weg zur Selbsterkenntnis› (GA 16) die prekäre Situation an der Schwelle vor Augen, in der der Meditierende bemerkt, dass er sein gesamtes irdisches Dasein gegenüber der Realität der geistigen Welt umschmelzen muss, um diese betreten zu können. Dabei geht es darum, in zwei gegensätzlichen Haltungen in beiden Welten leben zu können, in der sinnlichen und der übersinnlichen.

In kleinen Gesprächsgruppen ging es um Erfahrungsaustausch mit der Schwellensituation und den unterschiedlichsten Erscheinungsformen des Hüters, bereichert durch eine szenische Lesung und Übungen an Sätzen aus den Mysteriendramen von Rudolf Steiner zur Hüterbegegnung des Johannes Thomasius und anderer. Andreas Neider zeigte die Bedeutung des unbewussten Schwellenübertritts der Menschheit auf.

Belebende, erwärmende Kraft

Die warme, lichtdurchflutete und von den Wassern des Flusses Sorgue durchströmte Umgebung der Waldorfschule von Avignon, die herzliche Aufnahme der französischen Freunde, aber auch der stark wehende Mistral gaben dem Treffen etwas von der belebenden und die Herzen erwärmenden Kraft der Vaucluse im Süden Frankreichs.

Am Wochenende nach Ostern 2020 wird sich die Netzwerk-Initiative zu einer Vorbereitungstagung (auf Einladung) im Hinblick auf eine weitere große, öffentliche ‹Living Connections›-Tagung 2021 treffen. Dabei wird es um die Bedeutung der Sinneserfahrung für das meditative Erleben und ihr Verhältnis zur Selbsterkenntnis gehen.


Web: www.meditation.goetheanum.org

Der Hüter: Eurythmieform zu ‹Der Seelen Erwachen›

Zeichnung: Rudolf Steiner