Die Jugend trägt das Vermächtnis der Zukunft
Wenn wir groß werden, erleben wir die Welt erhaben und doch wie eine Nussschale. Wir wollen echt sein und Brücken schlagen, wenn Maschinen die Führung übernehmen, wenn Nationalismus und Krieg ihr Fest feiern. Die Jugend hat einen besonderen Zugang zum Geist. Sie bringt in all ihrer Verletzlichkeit eine Ressource mit, die größer ist als Öl oder Hyperautomatisierung. Darauf sollten wir nicht verzichten.
Wenn meine Gliedmaßen aufhören zu wachsen, ist mir, als gäbe es innen neuen Platz. Ich kann ein Kind gebären und kann zur Waffe greifen. Ich kann wählen. Ich verstehe die Komplexität der Themen in Gesprächen mit Erwachsenen. Mein Herz wird zu einem Gewand aus Formen und Farben. Hier rau, dort sanft. Mich quält meine Schüchternheit, Freude erleuchtet mich. Ich bin von Schönheit verzaubert, vor Angst erstarrt. Ich bin wütend über Unrecht und verliebe mich. Meine Erinnerungen sind nicht mehr fotografisch, sondern dramatisch, persönlich. Ich habe Wachstumsschmerzen, wenn sich Gefühl und Gewissen bilden. Über meinem Herzen liegt eine Schranke, und jenseits von ihr bin ich. Ich trage mich selbst, aber ich bin lose. Ich lade Instagram herunter und verliere ein Wochenende mit Scrollen. Mein Herz führt zu meinem anderen Ich. Das quält mich. Ich lösche Instagram wieder. Ich höre tief und empathisch zu. Ich spreche aus dem Herzen und spüre meine Zehen. Ich bewahre den Glauben an andere und empfinde Weisheit. Im Tagebuch bezeuge ich es. Ich gebe mich meinem Selbst anheim, gelobe der Zukunft und den Idealen Treue. Die Ideale sagen mir nicht, wie die Welt ist, sondern was ich werden könnte. Über die Beständigkeit hinaus suche ich Authentizität. Wem kann ich vertrauen und wie kann ich vertrauenswürdig sein? Wie verkaufe ich mich nicht, wenn ich älter werde?
Das Interesse füreinander
Die digitale Revolution hat die Erfahrung, erwachsen zu werden, drastisch verändert, genauso wie die ökologische Krise und der Klimawandel. Für die Spätmoderne rückt die Bedeutung von Jugendgesellschaften und Jugendbewegungen in den Fokus: ein wachsendes Bewusstsein für das Erbe der Zukunft. Innerhalb der Jugendbewegungen der Spätmoderne gibt es einen Bogen, der sich bis zur digitalen Revolution spannt. Die Unbekümmertheit dieses Alters mag Ältere überraschen. Sie lädt in ihrem erfrischenden Charakter dazu ein, selbst offener zu werden. Denn in der Jugend offenbaren wir den Genius der Wahrhaftigkeit, wenn nicht gar der Wahrheit selbst. Unsere Herzen bewegen sich entlang der Meridiane des Wesentlichen, selbst wenn unser Urteilsvermögen trügt. Das erzeugt bei aller Großzügigkeit bei vielen Älteren Unbehagen. Sie wehren uns ab mit ‹lähmenden› Ideen. Es gibt auch subtilere Mittel, um dem Ruf der Jugend auszuweichen, zum Beispiel mit den Urteilen von «physiologischen Verlangsamungen» oder «Mangel an Flexibilität, mit Widersprüchen und Kompromissen umzugehen», die das Alter mit sich bringt (Braungart, S. 430).
Kürzlich empfingen wir, die Jugendsektion in Dornach, 900 Schüler und Schülerinnen aus aller Welt zu einer einwöchigen Konferenz. Wir hatten uns mit ihnen auf das Thema ‹Disconnect to Connect› geeinigt, inspiriert von ihrem Wunsch, dem technologisch dominierten Lebensstil entgegenzuwirken, ohne dabei Technologie zu verteufeln. Es ging nicht um politische Agitation, sondern um ein aufrichtiges Interesse füreinander. Es herrschte ein unromantisches, unsentimentales Gefühl von Verständnis und Liebe. Ich konnte es spüren im kleinen Kreis von Schülern und Schülerinnen aus verschiedenen Ländern. Aktiv zu reden und zuzuhören verwandelte sie. Die Frage dieser Generation der Spätmoderne ist: Wie könnten Jugendverbände aussehen, die auf einer Erkenntnistheorie der Liebe und des Interesses gründen?
Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Webseite der Wochenschrift lesen. Falls Sie noch kein Abonnent sind, können Sie die Wochenschrift für 1 CHF/€ kennenlernen.
Bild Eindrücke von der Internationalen Studierendenkonferenz (ISC) 2026, Foto: Sabrina Xuan