«Ein erfülltes Leben auch unter eingeschränkten Bedingungen»

«Ein erfülltes Leben auch unter eingeschränkten Bedingungen»

29 März 2026 Sebastian Jüngel 40 mal gesehen

Zum Umgang mit gesundheitlichen Herausforderungen betagter Menschen gehört mehr als eine defizitäre Sicht des Alterns. Christian Schikarski, Internist mit Zusatzqualifikation Anthroposophische Medizin und erfahren in der Geriatrie, leitet in der Medizinischen Sektion am Goetheanum die Care-Gruppe ‹Alterskultur und Altersmedizin›. Diese setzt sich dafür ein, Gesichtspunkte zu seelisch-geistigen Entwicklungsmöglichkeiten Hochbetagter zu erschließen, zu fördern und zu veröffentlichen.


«Die heutige Sicht auf ältere Menschen ist häufig defizitorientiert», stellt Christian Schikarski fest. «Tatsächlich rückt der alt werdende Körper im Laufe der Jahre etwa durch Schmerzen, Unpässlichkeiten, Unverträglichkeiten, durch Wahrnehmungsprobleme und Steifheit zunehmend ins Bewusstsein.» Hinzu kommen Ängste, die Autonomie zu verlieren und in ungewollte Abhängigkeiten zu geraten. «Doch wir können zusätzlich eine ressourcenorientierte Sicht einnehmen», ist sich Christian Schikarski sicher.

Denn Geriatrie im Sinne der Anthroposophischen Medizin erkennt und fördert das Potenzial älterer Menschen und ihre seelisch-geistige Entwicklung «mit positiver Ausstrahlung ins soziale Umfeld». Ohne Gebrechen zu beschönigen, hat Christian Schikarski in seiner internistischen Praxis festgestellt: «Auch unter eingeschränkten Bedingungen kann ein erfülltes Leben geführt werden.» Dabei weist er darauf hin: «Ein intensives seelisches Wachstum den versiegenden Lebenskräften abzuringen, ist eine neue Lebenskunst.» Schließlich gelte es, mit sich und anderen Geduld zu haben, Einsicht in das Gegebene zu erlangen und Positivität für all die Dinge zu pflegen, die noch möglich seien. Auch der Umgang mit Einschränkungen müsse erlernt werden. Denn der Lebensradius verkleinere sich im Laufe der Zeit, und es finden vielfältige Verlusterlebnisse statt. Auch die Überwindung überholter Selbstbilder und das Verblassen von gesellschaftlicher Bedeutung gehören dazu, wie das allmähliche Loslassen des Verantwortungsgefühls für die Welt.

Zum Alter gehört unter Umständen das Auftauchen von Erinnerungen, «die zunächst lange Zeit im Unbewussten geschlummert haben, vor allem Enttäuschungen und Verletzungen. Wenn ein Mensch unvorbereitet in die Gefühle seiner Verletztheit eintritt, kann eine Retraumatisierung stattfinden», so Christian Schikarski. Der Tod könne erfahrungsgemäß leichter zugelassen werden, wenn etwas, was noch zu klären war, besprochen und geklärt werden konnte, also «wenn die Einsicht wächst, dass es gut war, wie es eben war, und wir loslassen dürfen». Christian Schikarski empfiehlt daher, sich im Voraus mit den Erinnerungen aus Kindheit und Jugend auseinanderzusetzen, sich mit den Lebenssituationen des Alters zu beschäftigen und zu klären, wer aus dem eigenen Umkreis was in solchen Situationen beitragen kann.


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Symbolbild Leben im Alter (Foto: Micheile Henderson/Unsplash)