Ein Gefühl für die Menschheit entwickeln
Wirtschaftliche Gesundheit ist ein Spiegel gesellschaftlicher Gesundheit. Die World Goetheanum Association (WGA) sieht im Assoziativen einen Schlüssel. In Verbindung zu arbeiten, setzt aber Verbindungsfähigkeit voraus. Welche aktuellen Trends und Herausforderungen kann man sehen? Friederike Mainz von der WGA sprach mit Karin Michael, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Co-Leiterin der Medizinischen Sektion.
Friederike Mainz: Wenn du die gesellschaftliche Gliederung in Wirtschaft, Recht und Kultur/menschlicher Entwicklung auf den menschlichen Körper überträgst, wo siehst du das Herz, das Nervensystem und so weiter?
Karin Michael Der Pol, der wahrnimmt und denkt, wäre vor allem das Nerven-Sinnes-System. Das muss unbeeinflusst und frei sein dürfen. Für den Bereich, der alles versorgt und in Bewegung hält – also die Wirtschaft –, steht das Stoffwechsel-Gliedmaßen-System. Die Liebe, Gemeinschaftlichkeit, das eigentliche Soziale, ist das Bindeglied; das ist das Herz-Kreislauf-System. Es versorgt und verbindet alles. In ihm muss auch eine Gerechtigkeit herrschen.
Hier spreche ich in einer von der Medizin geprägten Sicht, die Rudolf Steiner im Vortrag vom 5. Februar 1919 (GA 328, 1977, S. 29) als „bloßes Analogiespiel“ bezeichnet. Für den sozialen Organismus empfiehlt er – wenn überhaupt in Analogie – so gerade andersherum zu schauen. «Der soziale Organismus muss aber durchaus selbständig für sich betrachtet werden, wenn Ersprießliches zu seinem Gedeihen, zu seiner Gesundung geschehen soll.» (ebenda, S. 30)
Du setzt das Herz, also die Liebe, in den sozialen Bereich. Das Soziale ist auch der Bereich des Rechts. Das setzt man nicht unbedingt mit Liebe gleich. Ist die Liebe die gesteigerte Form von gerechten Beziehungen?
Gefühle bezieht man schnell auf sich selbst. Im Egoismus schaut man zuerst auf das eigene Wohlbefinden. Ein nächster Schritt wird in dem schönen Bild von Mutter und Kind deutlich, wenn sich dieses Gefühl der Selbstbezogenheit von der Mutter auf das Kind ausdehnt. Noch schöner ist es, wenn man diesen Kreis immer größer werden lässt, sodass man irgendwann ein Gefühl für die Menschheit entwickelt, das dem für das Kind verwandt ist. Steiner beschrieb, dass unser Egoismus verwandelt und entwickelt werden kann, indem er sich so ausdehnt, dass er sich auf die Menschheit und idealerweise auch auf die Erde als unsere hiesige Heimat ausweiten kann. Dieses Fürsorgegefühl ist dann eins geworden mit allem, was uns umgibt. Man muss also bei den eigenen Empfindungen anfangen, damit es authentisch ist und uns wirklich bewusst durchdringt. Von da gilt es, die Fähigkeit zu entwickeln, über sich hinauszuwachsen – immer weiter.
Wie erlebst du das bei Kindern und Jugendlichen, deinem Spezialgebiet?
Ein Kind braucht zum gesunden Gedeihen diese egoistische Neigung, alles für sich in Anspruch zu nehmen. Wenn man zum ersten Mal Eltern wird, die Liebe sich schier über ein Kind ergießt, ist das wunderschön. Man gibt wirklich alles: den Schlaf, die Ernährung, die Mutter gibt, buchstäblich die körperliche Substanz. Man dehnt sich physiologisch auf einen anderen Menschen aus. Das ist ein Urbild dafür, wie man durch Liebe in Sozialfähigkeit hineinwachsen kann. Die Familie ist das Urbild für das Soziale überhaupt. Was wir dort an Prägung mitbekommen, ist die Grundlage für alles spätere Bindungs- und Sozialverhalten. Die Familie ist eine Keimzelle für Sozialfähigkeit. Die Bedeutung dessen, was diese Zuwendung ausmacht, wird in der ärztlichen Betreuung erlebbar. Man hat mit Eltern und Kind eine Einheit vor sich. Die Eltern in medizinische Prozesse einzubeziehen, ist daher hochgradig wirksam. Es sind oft ganz kleine Dinge wie eine äußere Anwendung bei Ohrenschmerzen oder eine Fußmassage zum Einschlafen. Es wirkt immer besser und tiefgehender, wenn die Eltern mitgenommen werden.
Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Webseite der Wochenschrift lesen. Falls Sie noch kein Abonnent sind, können Sie die Wochenschrift für 1 CHF/€ kennenlernen.