Elisabeth Vreede
Elisabeth Vreede prägte als erste Leiterin der Mathematisch-Astronomischen Sektion am Goetheanum deren Aufbau und Wirken. Sie besaß Klarheit, Wärme und die seltene Fähigkeit, andere in ihrer Forschung zu unterstützen.
«Aus dem Universum herein durch lebendige Erkenntnis das menschliche Leben verstehen, das ist das, was mit dasjenige ist, was durch die jetzige Geisteswissenschaft gewollt ist», betonte Rudolf Steiner[1] – und übergab der Fachwissenschaftlerin Elisabeth Vreede (1879–1943)[2] die verantwortliche Leitung der Mathematisch-Astronomische Sektion der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum. «Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte», hieß es im ersten anthroposophischen ‹Leitsatz› (Februar 1924).[3] Auf der Weihnachtstagung 1923/24 betonte Steiner die Notwendigkeit, «eine Sektion für mathematische und astronomische Anschauungen»[4] zu entwickeln – «die astronomische Wissenschaft ist ja diejenige, welche am ehesten Gelegenheit hat, wieder zurückgeführt zu werden in die Spiritualität».[5] Er vertraute diese Sektion Elisabeth Vreede an, die aus Den Haag gekommen war. Ihre Abteilung gehörte zum Zentrum dessen, was Steiner mit der Dornacher Hochschulgründung beabsichtigte, und war in besten Händen. «Ihre Denkkraft hatte etwas jupiterhaft Umfassendes. Wenn sie selbst vortrug oder die Klasse las, leuchtete ihre Stirn wie ein Stern. Ihre Denkart ermöglichte es ihr sofort, das von Rudolf Steiner Gebrachte zu erfassen und trotz höchster Verehrung für ihn sich ein selbstständiges Urteil zu bilden, so wie er es von den Mitgliedern erhoffte», heißt es in einer Erinnerung an Elisabeth Vreede.[6] Anders als bei den übrigen Sektionsleitenden hob Rudolf Steiner bei der Vorstellung Elisabeth Vreedes auf der Weihnachtstagung – als Sektionsleiterin und Vorstandsmitglied der Anthroposophischen Gesellschaft – nicht nur ihre ausgezeichnete Fachkompetenz, sondern auch ihre besonderen sozialen Fähigkeiten hervor. Von ihr gehe «überall Rat und Hilfe» aus, «wenn man etwas zu wissen braucht auf mathematisch-astronomischem Gebiet».[7] Tatsächlich verfügte Elisabeth Vreede über seltene Fähigkeiten der selbstlosen Zuwendung. Trotz ihrer ausgeprägten Intelligenz, ihres phänomenalen Gedächtnisses und hervorragenden Fachwissens, das sie zur eigenständigen Arbeit befähigte, nahm sie praktischen Anteil an vielen Studien, Forschungen und Anliegen anderer Menschen, darunter ihrer ersten Sektionsmitarbeiter Ernst Bindel, Hermann von Baravalle, Ernst Müller, Willi Sucher und George Adams. «Sie nahm den anderen Menschen auf, ließ ihn neben sich gelten, nie hätte sie ihn ihre Überlegenheit fühlen lassen.»[8]
Vreede war eine ordnende Klarheit eigen, Überblick, Objektivität, Wärme und ein großer Humor, den sie einmal als «das Befreiende im Geistesleben»[9] bezeichnete. Sie stand nicht gerne im Rampenlicht und wirkte bescheiden im Hintergrund. Zugleich war sie in der Lage, vor großem Auditorium über mathematische und astronomische Grundsatzfragen wissenschaftlich eindrucksvoll und überzeugend zu sprechen und verfasste profunde Arbeiten. Im Umraum ihrer Sternwarte fanden ab 1927 viele Aktivitäten statt, die eng mit der kongenialen Wissenschaftlerin Lilly Kolisko (1889–1976)[10] abgestimmt und zum Teil mit Kolisko gemeinsam durchgeführt wurden. Die im ‹Landwirtschaftlichen Kurs› 1924 in Koberwitz von Rudolf Steiner angekündigten Forschungsarbeiten versuchten Kolisko und Vreede nach Möglichkeit auszuführen. Mit Lilly Kolisko war Elisabeth Vreede auch unterwegs, so im Juni 1936 zum Studium einer totalen Sonnenfinsternis in der Türkei, auf einem hohen, erloschenen Vulkan (Uludağ).[11]
Fußnoten
- Rudolf Steiner, Das Rätsel des Menschen, Die geistigen Hintergründe der menschlichen Geschichte, GA 170, S. 260.
- Peter Selg, Elisabeth Vreede. 1879–1943. Arlesheim 2009.
- Rudolf Steiner, Anthroposophische Leitsätze, GA 26, S. 14.
- Rudolf Steiner, Die Konstitution der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Der Wiederaufbau des Goetheanum, GA 260a, S. 111.
- Rudolf Steiner, In Ausführung der Dreigliederung des sozialen Organismus. GA 24, S. 164.
- Madeleine P. van Deventer/Elisabeth Knottenbelt (Hg.), Elisabeth Vreede. Arlesheim 1976, S. 37f.
- Rudolf Steiner, Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, GA 260, S. 145.
- Peter Selg, a.a.O, S. 113.
- Ebd.
- Vgl. Soili Turunen, Lilly Kolisko. Vom Mysterium der Materie. Eine dokumentarische Biografie. Arlesheim 2024.
- Zu Vreedes Erlebnissen dort vgl. P. Selg, a.a.O. S. 208ff.; zu Lilly Koliskos Studien in der Türkei vgl. Soili Turunen, a.a.O., S. 283ff.