«Selbstermächtigung bis zuletzt»
Auch die letzte Lebensphase erlaubt, das eigene Leben zu gestalten. Davon sind Onkologin Marion Debus und Palliativmediziner Jörg Eberhardt, beide Klinik Arlesheim, Schweiz, überzeugt. Bei der Begleitung lebensbedrohlich erkrankter Menschen haben sie die Erfahrung gemacht, dass überraschende Entwicklungen bis zum Tod möglich sind.
«Selbstermächtigung bis zuletzt», so Jörg Eberhardt, sei sein Ziel, wenn er Patientinnen und Patientin palliativmedizinisch und -therapeutisch begleite. «Dazu kann auch gehören, Abschied zu nehmen, Dankbarkeit zu zeigen, vielleicht auch zum Verzeihen in Dialog zu kommen.» Auch für die Co-Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum und Onkologin Marion Debus hat sich in der Arbeit mit Krebspatientinnen und -patienten immer wieder gezeigt, wie Menschen die letzte Lebensphase noch für Momente der Verbindung mit nahestehenden Personen nutzen können. Sie erinnert sich an eine Patientin mit fortgeschrittenem Bauchspeicheldrüsenkrebs, die schon tagelang nicht mehr ansprechbar gewesen sei. «Doch später erzählte ihre Tochter, dass sie noch einmal mit ihrer Mutter sprechen konnte: Die Mutter habe von einem Licht berichtet, auf das sie zuging und von dem sie wieder zurückgeschickt wurde, um noch einmal ihrer Tochter zu begegnen. Erst danach ist die Patientin gestorben», sagt Marion Debus.
Zur Begleitung von Menschen in ihrer letzten Lebensphase gehört für beide Mediziner, Schmerzen und andere körperliche Leiden sowohl mit konventionellen als auch mit Medikamenten und Anwendungen der Anthroposophischen Medizin zu lindern, ohne jedoch das Bewusstsein zu dämpfen. Im Widerspruch zu ihrem Selbstverständnis als Ärztin beziehungsweise Arzt steht dagegen, Menschen, die den Wunsch nach einem ärztlich assistierten Suizid äußern, selbst ein tödliches Mittel zu verabreichen, wie es in der Schweiz schon lange legal ist.
«Wenn wir mit diesem Wunsch konfrontiert sind, nehmen wir das ernst, versuchen aber, zunächst gemeinsam zu schauen, ob es nicht noch etwas im Leben zu gestalten gibt», sagt Jörg Eberhardt. Wenn ein Patient trotzdem an dem Wunsch festhalte, ermöglichen er und seine Kollegen aber auch den Kontakt zu Sterbehilfeorganisationen. Doch Jörg Eberhardt und Marion Debus ist wichtig, dass Patientinnen und Patienten Entwicklungsschritte möglichst lange bis zum Lebensende gehen können.
Podcast ‹Mensch und Gesundheit: Bewusstseinsentwicklung am Lebensende› in der Reihe ‹Anthroposophie zur Sache›, Marion Debus und Jörg Eberhardt im Gespräch mit Julia Eßwein-Demming, 49 Minuten
Bild Jörg Eberhardt und Marion Debus (Foto: Nicolas Prestifilippo)