Zusammen aus freiem Willen
So wie zwei Brennpunkte die Erdbahn bestimmen – die Sonne als physischer Mittelpunkt, der andere als geistiger Mittelpunkt –, so tragen zwei Brennpunkte eine Gemeinschaft: ein irdischer und ein kosmischer. Dieser gemeinsame Wille entsteht, wenn alle in der Gemeinschaft es wollen.
‹You never farm alone› lautet der Titel der Landwirtschaftstagung. Gleichwohl sagt man häufig aus Mut, vielleicht aus Übermut: ‹Das kann ich doch allein.› Dann gibt es diese andere Stimme, die mahnt: ‹Nein, ein biodynamischer Hof ist ein zu großes und zu vielschichtiges Projekt. Das kannst du nicht allein, das musst du mit Partnern zusammen machen.› Es wächst die Demut. Zusammenarbeit aus freiem Willen pendelt zwischen Mut und Demut. Beides braucht man. Ich spreche hier über die Initiativgemeinschaft, über die Menschen, die ein Projekt in die Hand nehmen und es leiten. Wie geht da die Zusammenarbeit? Meine Erfahrung schöpfe ich aus der Initiative L’Aubier, wo ich 30 Jahre als Landwirt tätig war, und aus bisher 16 Jahren Tätigkeit am Goetheanum.
Herz der Gemeinschaft
Das eigentliche Feld der Zusammenarbeit ist nach meiner Erfahrung der innere Kern einer Initiative. Wenn die Beteiligten dort aus freiem Willen kooperieren, dann schwingt die umgebende Gemeinschaft mit. So eine Initiativgemeinschaft, Betriebsgemeinschaft, umfasst klassischerweise 4 bis 7 Personen, es kann aber auch ein Ehepaar sein oder 17 Personen umfassen wie aktuell die Goetheanumleitung. Wo sind die Orte, wo solche Gemeinschaft auf die Prüfung gestellt wird, ob freier Wille gelingt oder nicht? Da spielen – und das klingt erst mal banal – die Sitzungen eine Rolle. Dort schleppt man sich ja häufig hin, weil es ein bisschen routinemäßig ist. Aber ich glaube, diese Sitzungen, und es können ja auch Stehungen sein, sind das Herz einer Gemeinschaft.
Da kommt aus der Peripherie des Organismus alles zusammen und gewinnt einen neuen Impuls, um dann für die nächste Woche, den nächsten Monat pulsieren zu können. Die nicht selten gleichförmigen Sitzungen sind eigentlich die Herzorgane, um diesen freien Willen aller zu orchestrieren. Der freie Wille ist ein Teil eines freien Menschen. Und ein freier Mensch ist jemand, der sich unabhängig zu denken vermag. Hier ist der Ursprung dessen, was man persönliche Freiheit nennt. Ich habe keinen anderen Quellpunkt der Freiheit gefunden als dieses Eigendenken. «Ich denke, also bin ich» hat René Descartes gesagt. Wir können ja auch sagen: Ich pflüge, also bin ich. Ich koche, also bin ich. Kürzer: Ich bin, weil ich bin. Das Ich, ein in sich gegründetes Wesen, braucht für seine Begründung keine Anleihe an der Welt.
In seinen Tischreden sagt Martin Luther, dass er sich mehr vor seinem eigenen Herzen fürchte als vor dem Papst und allen Kardinälen. Das heißt: Ich trage den Papst in mir. Da steht diese Persönlichkeit auf der Spitze ihrer selbst. Soziologisch ist das mit dem Aufkommen der Moderne das Heraustreten der in sich gegründeten Persönlichkeit in den sozialen Kontext. Das ist neu. Diese Individualisierung ist der Motor für die Entwicklung im Sozialen. Gibt es irgendetwas, was uns bremsen könnte, diese Individualisierung immer noch weiter zu treiben? Mir scheint, dass alles, was sich diesem Zug entgegenstellen will, über kurz oder lang zur Seite geschoben wird. Da ist etwas ganz Tiefes, das sich in dieser Individualisierung ausdrückt. Es ist unsere Konstitution, dass wir diese Eigenständigkeit auf einer normalen Erlebnisschicht haben und auch stolz darauf sind.
Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Webseite der Wochenschrift lesen. Falls Sie noch kein Abonnent sind, können Sie die Wochenschrift für 1 CHF/€ kennenlernen.
Titelbild Eindrücke von der Jahrestagung der Landwirtschaftlichen Sektion 2026, Foto: Xue Li