Bestätigt im Vorstand: Ueli Hurter

Bestätigt im Vorstand: Ueli Hurter

24 November 2020 Ueli Hurter 33 mal gesehen

Die Generalversammlung am 31. Oktober hat Ueli Hurter als Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft bestätigt; er bleibt Co-Leiter der Sektion für Landwirtschaft. In seiner Ansprache und in seiner schriftlichen Darstellung zur Generalversammlung gab er einen persönlichen und beruflichen Einblick in seinen Lebensweg.


Wenn man die Anfrage bekommt, im Vorstand am Goetheanum mitzuarbeiten, und sie an dem misst, was Rudolf Steiner mit dieser Aufgabe verbindet, dann sagt man: ‹Nein›, weil dem nichts in der eigenen Biografie entspricht. Wenn man schaut, was andere machen, kann man sagen: Doch, das kann ich gern auch versuchen zu tun.

Schweizer sein – Landwirt werden

Die Eidgenossen sind eigensinnig – und das bin ich auch. Wir Schweizer haben viele Berge und hocken in unseren Tälern. Jeder hat seine Pfade, auf denen er die Berge hochgeht. Mein Berg ist der Piz Lunghin mit einer dreifachen Wasserscheide vom Po zum Mittelmeer, vom Rhein zur Nordsee und von der Donau zum Schwarze Meer. Aus der Enge des Tals und der Engstirnigkeit entsteht eine gewisse Weite. Wenn Schweizer einen Vorstand bilden müssen, machen sie das konkordant. Das heißt, dass alle relevanten gesellschaftlichen Kräfte im Vorstand vertreten sind. Dadurch gibt es keine Opposition zum Vorstand, denn alle Stimmen sind dort berücksichtigt.

In die Landwirtschaft wird man normalerweise hineingeboren – mir war nicht in die Wiege gelegt, Landwirt zu werden: Mein Vater war Architekt, meine Mutter Ernährungsberaterin. Ich hatte keine tiefere Verbindung zur Tier- und Pflanzenwelt, jedoch zur Landschaft. Dass ich nach meiner Matur auf einen Hof statt an eine Universität ging, hing damit zusammen, dass ich eine maximal große Eigenständigkeit suchte. Landwirtschaft ist Urproduktion – es gibt keinen Vorlieferanten, sondern man arbeitet direkt in der schaffenden Natur.

Das willentlich-praktische Tun scheint mir noch heute der direkteste Weg in die Weltrealität, die man sich auch gedanklich erschließen kann. Wieso dann biodynamische Landwirtschaft? Es gab schlicht keine andere Art der Landwirtschaft, die konsequent aus dem Geistigen arbeitet. Dieses Geistige kannte ich nicht, aber meine Suche hatte mich dazu geführt, es als reale Dimension anzunehmen. An Punkten in der Biografie, wo Entscheidungen fallen, war bei mir etwas präsent, was sich allmählich als Anthroposophie herausstellte. Meine Frau Katrin Hofmann und ich sind diesen Weg schrittweise gegangen.

Ich bin viele Stunden und Tage Traktor gefahren, war an der frischen Luft. Einer, der Traktor gefahren ist, der gemolken hat, der gesät hat, ist nun im Vorstand? Nun, ich trete ja nicht aus der geistigen Welt aus, wenn ich auf den Traktor steige. Eine Kuh wiegt rund 800 Kilogramm und ist Ausdruck der Erdenschwere. In ihrem Stoffwechsel ist die Kuh leicht – sie hat himmlische Auftriebskräfte, kann sich mit ihren Hufen gerade noch auf der Erde halten. Das sind nicht etwa zwei Welten: Die physische und die geistige Kuh, sie sind ein und dieselbe Wirklichkeitswelt.

Mein Hof ist in L’Aubier in der Nähe von Neuchâtel (CH). Gerade wird die Wintersaat ausgebracht. Ich werde per Ende 2020 die Leitung der Ferme Fromagerie in jüngere Hände übergeben. Das ist für unsere Familie mit drei Kindern in Ausbildung ein großer Schritt. Ich hatte diese Verantwortung in meinem 28. Lebensjahr zehn Jahre nach der Gründung von L’Aubier 1989 übernommen, was das Ende meiner Lehr- und Wanderjahre markierte. Nach der Matura in Zürich (CH), während zwei freien Jahren in den Bergen, wo ich erste Schritte in die Landwirtschaft machte, stellte ich mir die Frage: Philosophie oder Landwirtschaft? Ich habe den Weg als Bauer gewählt – und habe das Philosophieren nicht ganz gelassen. Später war ich drei Jahre auf dem Dottenfelderhof bei Frankfurt/Main (DE), insbesondere mit den Lehrern Ernst Becker und Manfred Klett.

Der Hof ist ein Teil von L’Aubier; die Leitung eines Teils bedeutet, auch in der Unternehmensführung als ganzer zu sein. In L’Aubier gibt es den Hof mit Käserei, ein Restaurant, einen Laden, ein Hotel und einen Seminarort, ein Kaffee- und Gästehaus in der Stadt, ein intergenerationales Wohnquartier und eine Ausbildung. Für jede Entwicklungsetappe mussten die Grundlagen mit der Entwicklung geschaffen werden, insbesondere die Finanzierung.

Engagement für Demeter und Weleda

Seit zehn Jahren bin ich mit Jean-Michel Florin zusammen in der Leitung der Sektion für Landwirtschaft am Goetheanum. In diesen Jahren konnten wir mithelfen, die biodynamische Bewegung in eine weltweit wachsende Entwicklung zu bringen. Eine der Hauptaufgaben der Sektion sehen wir darin, die für die Landwirtschaft anstehenden Fragen und Herausforderungen so zu bearbeiten, dass geistig-kulturelle und sozial-dialogische Inspirationsräume für möglichst viele Menschen geschaffen werden. Die dabei entstehende innere Sicherheit gibt dem Einzelnen und der ganzen Bewegung die Möglichkeit, in Allianzen mit anderen einzutreten. Denn die Herausforderungen auf unserem Gebiet sind mit Klimawandel, Welthunger, Bodenverlust, Ernährungsqualität und anderem so gigantisch, dass sie keiner allein meistern kann.

Ich war von 1997 bis 2010 Präsident des Schweizerischen Demeter-Verbandes und bin seit der Gründung im Vorstand der International Biodynamic Association und der Biodynamic Federation Demeter International als den internationalen Organisationen, die für die Marke Demeter zuständig sind. Seit Juni 2019 bin ich im Verwaltungsrat der Weleda und damit mitverantwortlich für die Marke Weleda. Mit Demeter und Weleda steht die Anthroposophie voll im Wirtschaftsleben – diese Präsenz ist mir wichtig.

Seit zehn Jahren am Goetheanum

Seit meiner Zeit am Goetheanum war ich an der Bildung der Goetheanum-Leitung 2012 und an der Organisation der Goetheanum-Weltkonferenz 2016 beteiligt. Die Einrichtung der Goetheanum-Leitung erlaubte, die Kohäsionskräfte zwischen den leitenden Personen am Goetheanum nachhaltig zu stärken. Dadurch entstanden Kraft und Wille zu einer Goetheanum-Weltkonferenz im Herbst 2016 – sieben Jahre vor 2023. Sie markierte für viele Teilnehmende einen Umschlagpunkt von einem sendungsbewussten Goetheanum zu einem lauschenden Goetheanum, das als ‹großes Goetheanum› an jedem Ort lebt, wo aus dem Geiste der Anthroposophie an den realen Weltverhältnissen gearbeitet wird.


Quellen: Ansprache und schriftliche Darstellung