Das Gewissen im Werk Albert Steffens
Der Preis einer wirklich neuen Poesie ist – nach Albert Steffens Auffassung – die Spiritualität. Seine Themen beziehen spirituelle Wirklichkeitsdimensionen ein, die ansonsten nur im metaphorischen und ästhetischen Sinn Verwendung finden.
Die Komposition seiner epischen und dramatischen Werke setzt sich bewusst über die bekannten poetologischen Konventionen hinweg. Vielen anderen Autoren gegenüber scheinen wir geneigter zu sein, ihre spezifische, extravagante und künstlerische Gestaltung als letztlich doch legitim und akzeptabel zu empfinden.
Weltanschaulicher Vorbehalt
Vor allem im Hinblick auf den weltanschaulichen Hintergrund des Autors tritt eine weitere Annäherungsschwierigkeit hinzu. Bertolt Brechts marxistische Orientierung etwa, Gottfried Benns nihilistische Einstellung, die Psychoanalyse bei Arthur Schnitzler oder Stefan Zweig stören nicht unsere Beurteilung ihrer literarischen Qualität. Im Gegenteil: Kunst und Poesie dürfen (und sollen) provokant sein, so erwarten wir es doch, auch und gerade, wenn sie unser eigenes Leben, Denken und Fühlen in Frage stellen. Warum sollte diese offene Einstellung nicht auch im Hinblick auf Albert Steffen gelten?
Sein Leben und Werk gründen in der Anthroposophie, weil er durch sie eine Bestätigung und Erweiterung seiner eigenen geistigen und künstlerischen Möglichkeiten erkannte. Da Albert Steffen zusätzlich zu seinem Künstlersein nach dem Tod Rudolf Steiners die Aufgabe als Erster Vorsitzender der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft versah und sich in diesen bewegten Jahren im Spannungsfeld der Mitgliedschaft und der allgemeinen politischen Lage (etwa Stellungnahme und Positionierung der Gesellschaft gegenüber dem Nationalsozialismus) zu bewähren hatte, stießen viele seiner diesbezüglichen Entscheidungen und Verlautbarungen bei Mitgliedern auf Unverständnis, bisweilen auf äußerste Kritik.
Anstoß zur Gewissensforschung
Er selbst hat als Mensch und als anthroposophischer Verantwortungsträger unter dieser treu durchgetragenen Pflicht in unvorstellbarem Maße gelitten. Die schöpferische Kraft seines Künstlertums und seine gesundheitliche Konstitution blieben davon nicht unberührt. Doch gerade durch die poetische Objektivierung der eigenen und fremden Verletzung bemühte er sich immer wieder um eine geistig reale Versöhnung mit den Menschen.
Der Prozess der Lektüre wird manches Mal zu einer eigenen Gewissenserforschung. Gern würde man dann den Dichter für das verantwortlich machen, was er uns im Spiegel zeigt. Das Erwachen des Gewissens und das geistig-meditativ vorzubereitende Erleben des wahren Ichs jenseits der Schwelle ist für den heutigen Menschen in der Sprache der Anthroposophie das Gewahrwerden der Gegenwart des Zeitgeistes Michael. Diesen spirituellen Prozess künstlerisch zu gestalten, vorzubereiten und im Leser zu ermöglichen, ist Albert Steffens Werk verpflichtet.
Dieser Beitrag besteht aus bearbeiteten Auszügen aus dem Buch ‹Poesie und Erkenntnis. Versuch über Albert Steffen› von Heinrich Schirmer, Verlag Ch. Möllmann, 2020.