Das goldene Dreieck

Das goldene Dreieck

03 Juli 2019 Mario Betti 78 mal gesehen

Jeder steht heute, im Zeitalter des Sonnenerzengels Michael und im Wirkungskreis der Widersachermächte, vor persönlichen, beruflichen, sozialen und geistigen Herausforderungen.


Es geht um Spiritualisierung des Denkens und der Naturanschauung und um michaelische Gemeinschaften. Denn die Menschheit überschreitet die Schwelle.

Das Überschreiten der Schwelle bedeutet, die Nähe von Todesmächten in den Tiefen der eigenen Seele zu fühlen, und – gerade dadurch – das Erleben, wie unsere wahre, unsterblich-kosmische Dimension aufleuchtet. Immer mehr Menschen haben aus diesem Grund Reminiszenzen aus früheren Erdenleben oder konkrete Ahnungen und Erlebnisse mit der Geistigkeit der Natur und des eigenen höheren Selbst. Manche berichten, dass sie dem Christus begegnet sind. Todesnähe und Sehnsucht nach Unsterblichkeit oder Spiritualität sind heute wirksame, wenn auch noch weitgehend unbekannte Faktoren, die unser aller Leben zutiefst bestimmen.

Christus – der Helfer an der Schwelle

Viele Hoffnungen und Ängste sind damit verbunden, denn auch die Mächte des Bösen werden an der Schwelle fühlbar. Rudolf Steiner sagte, dass Michael, durch dessen Wesen sich der Christus in neuer Geistgestalt offenbart, der große Helfer an der Schwelle zum Übersinnlichen ist. Und er äußerte, dass heute das Initiationsprinzip zum Zivilisationsprinzip werden soll.

Zunächst gibt es zwei Seiten michaelischer Wirksamkeit: die Spiritualisierung unserer Denkkräfte in ein freies, schauendes Herzdenken, womit auch unsere Gemüts- und Willenskräfte eine Umwandlung erfahren, und die Spiritualisierung unserer Naturanschauung. Da wahre Anthroposophie Wissenschaft, Kunst und Religion in sich vereinigt, werden auch die Künste und das religiöse Erleben in diesen Verwandlungsprozess einbezogen. Damit haben wir zwei Seiten eines goldenen Dreiecks: Vergeistigung des Bewusstseins im Hinblick auf die innere Welt und auf die äußere Welt der Sinne mit ihren praktischen Folgerungen.

Durch diese innere Alchemie erwachen in uns konkrete Impulse für das soziale und das Berufsleben. Und das weist auf die dritte Seite des Dreiecks, die Basis, auf den Umgang der Menschen untereinander – in Zusammenhang mit Michael. Rudolf Steiner wollte mit seinem Werk eine Gemeinschaft stiften, die den Widersachermächten gewachsen ist, damit der Kulturauftrag der Anthroposophie umso intensiver verwirklicht werden kann. Immer wieder haben einzelne Individualitäten versucht, neben dem Aufbau kultureller und zivilisatorischer Einrichtungen im Geiste der Anthroposophie das goldene Dreieck sozial zu verwirklichen.

Dazu hat Rudolf Steiner exemplarisch einiges im Rahmen des Michael-Mysteriums (in GA 26) am 16. November 1924 im Abschnitt ‹Die Weltgedanken im Wirken Michaels und im Wirken Ahrimans› ausgeführt (Zitat unten). In freier Anlehnung an das Hohelied des Paulus im ersten Korintherbrief kann man sagen, dass sowohl Hellsehen als auch Mysterienwissen, dass gelehrte Arbeiten über Michael oder über den ‹Liebesgrundstein› der Weihnachtstagung 1923/24 oder bloße Änderungen von Statuten und Paragraphen lediglich «tönend Erz und eine klingende Schelle» sind, solange keine faktische Liebe in der Michael-Gesinnung ist. Sie vollendet das goldene Dreieck michaelischer Wirksamkeit.

Schwelle wird Brücke

Es ist mir bewusst, dass ein origineller Gedanke, eine künstlerische Inspiration oder eine echte religiöse Erhebung nicht ‹bestellt› werden können, sondern dass sie – wie Impulse echter, selbstloser Liebe – als Gnade zu betrachten sind. Aber wir können die Liebe wollen; wir können sie anstreben. Wir können um selbstlose Liebe bewusst ringen, auch wenn wir immer wieder versagen. Ja, wir können um sie beten. Als eine erste Vorstufe der Liebe können wir in der tiefen Akzeptanz des anderen, des Andersdenkenden echte Michael-Gemeinschaften bilden.

Das Buch ‹Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?› könnten wir für die heutige Zeit sozusagen umtaufen in ‹Wie werde ich mir der Macht der Liebe in meiner Seele bewusst?›. Und, was die Anthroposophische Gesellschaft anbelangt, das würde die wahre Michael-Gesinnung das soziale Leben wirklich voranbringen. Die Schwelle würde zur Brücke werden. Man stelle sich im Ernst vor: Eine Wiedergeburt der Anthroposophischen Gesellschaft aus dem Geiste der Liebe. Eine Utopie?


Liebe zur Welt

Wenn der Mensch die Freiheit sucht, ohne Anwandlung zum Egoismus, wenn ihm Freiheit wird reine Liebe zur auszuführenden Handlung, dann hat er die Möglichkeit, sich Michael zu nahen; wenn er in Freiheit wirken will bei Entfaltung des Egoismus, wenn ihm Freiheit wird das stolze Gefühl, sich selber in der Handlung zu offenbaren, dann steht er vor der Gefahr, in Ahrimans Gebiet zu gelangen. […] Indem sich der Mensch als freies Wesen in Michaels Nähe fühlt, ist er auf dem Wege, die Kraft der Intellektualität in seinen ‹ganzen Menschen› zu tragen; er denkt zwar mit dem Kopfe, aber das Herz fühlt des Denkens Hell oder Dunkel; der Wille strahlt des Menschen Wesen aus, indem er die Gedanken als Absichten in sich strömen hat. Der Mensch wird immer mehr Mensch, indem er Ausdruck der Welt wird […] Wer sich an ihn [Michael] hält, der pfleget im Verhältnis zur Außenwelt der Liebe. […] dann wird Liebe zum andern auch zurückstrahlen können ins eigene Selbst. Dieses wird lieben können, ohne sich selbst zu lieben. Und auf den Wegen solcher Liebe ist Christus durch die Menschenseele zu finden. Wer sich an Michael hält, der pfleget im Verhältnis zur Außenwelt der Liebe, und er findet dadurch das Verhältnis zur Innenwelt seiner Seele, das ihn mit Christus zusammenführt.
Quelle: Rudolf Steiner, GA 26, 2013, Seiten 117f.