Den anderen nicht allein lassen
Wenn in Politik und Gesellschaft viele nach Äußerlichkeiten streben – mehr Geld, mehr Macht, mehr Einfluss auf den anderen –, ist es, so Claudine Nierth, an der Zeit, die Tür nach innen zu öffnen, wo jeder die Möglichkeit zur schöpferischen Gestaltung entdecken kann.
Hierzu gab die Aufführung der vier Mysteriendramen von Rudolf Steiner (im Rahmen der Tagung ‹Spiritualität – Angst und Gesundheit›) praktische Anregungen. Unter den über 700 Besucherinnen und Besuchern der Aufführungen lebte jedenfalls eine wohlwollende Stimmung der Offenheit, des gemeinsamen Erlebens und des Mitgestaltens sowie der Dankbarkeit für die künstlerische Leistung. Daher haben Gioia Falk, Christian Peter und Stefan Hasler in Einklang mit dem Vorstand am Goetheanum entschieden, dass die nächste Aufführung der Mysteriendramen bereits nach dem neuen ‹Faust› an Weihnachten 2020 am Goetheanum stattfinden wird.
Aus der Perspektive der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion charakterisierte beispielsweise Bodo von Plato drei alltäglich gegenwärtige Abgründe, die in Aussagen wie «Ich habe keine Zeit», «da kann ich nichts ändern», «die Komplexität der Verhältnisse kann ich nicht verstehen» zum Ausdruck kommen. Junge Menschen betonten im Rahmen der Jugendsektion die Notwendigkeit einer ‹Entschleunigung›, sich Zeit einzuräumen und einen inneren Raum zu schaffen, auch um dabei die eigene Angst kennenzulernen und zu akzeptieren, als Ausgangspunkt dafür, neue Gestaltungsmöglichkeiten zu gewinnen. Michaela Glöckler zeigte im Rahmen der Medizinischen Sektion auf, wie die Dramen von Pathologie und Heilung geprägt sind und damit Dramen nicht nur der Krankheit, sondern auch der Gesundung seien.
Dem helfen, der allein ist
Aus dem Publikum kam ein lebenspraktischer Hinweis: Die Protagonisten der Dramen haben ihre jeweils eigenen Schwellenerlebnisse, die sie individuell bewältigen müssen. Doch in jeder Situation – und sei sie noch so gefährlich – erscheint eine Begleitung, eine Hilfestellung. Wie ist es aber mit den Menschen, die allein am Abgrund stehen? Mögen wir alle achtsam auch auf diese Menschen sein und ihnen mit Kraft und Freude zur Seite stehen.