Die Erde ist unsere Schicksalssubstanz

Die Erde ist unsere Schicksalssubstanz

19 Mai 2026 Ueli Hurter 37 mal gesehen

Wir inkarnieren auf einem Planeten, dessen Entwicklung mit dem Schicksal von uns Menschen zusammenhängt. Die ‹Große Mutter› ist unser Leib. Wir haben eine karmische Beziehung mit der Erde.


Das Primärerlebnis ist das einer Einheit, einer Einheitlichkeit von mir und der Welt. Allmählich entsteht die Zweiheit von Kind – Mutter, von Ich – Welt, von Mensch – Erde. Jeden Tag beim Aufwachen kann man diesen Moment versuchen zu erhaschen, wo das Ich neu herausfällt aus dem einheitlichen Erlebniskontinuum und Ich und Welt sich gegenständlich gegenüberstehen. Das Aufwachen zur Zweihaftigkeit geschieht immer wieder neu während des ganzen Lebens, es ist ein archetypisches Erleben von uns als bewussten und selbstbewussten Menschen. Ich kann mich zum Beispiel erinnern, wie ich als junger Mensch in der Wiese liegend und in den Himmel schauend schlagartig merkte: Die Wolken ziehen und ich nicht. Menschheitlich hat sich das vollzogen beim Übergang vom nomadisierenden Leben als Jäger und Sammler zur Sesshaftigkeit, vor etwa 12 000 Jahren. Eine herausragende archäologische Fundstätte dafür ist Göbekli Tepe, am oberen Euphrat gelegen, heute in Ostanatolien in der Türkei. Auf einem Hügel, die Ebene überragend, sind Rundbauten in den kalkigen Grund eingelassen. Zwölf Stelen aus Stein, vertikal aufragend mit breitem horizontalem Querbalken, ein T bildend wie eine Menschengestalt andeutend, stehen im Rund. Umlaufend zwischen den Stelen eine Bank zum Sitzen für die Gemeinschaft. In der Mitte zwei größere Stelen, verankert in einer Felsplatte. Der Eindruck ist, dass sie nicht aus der Erde aufstreben, sondern wie aus dem Götterkosmos hineingesendet worden sind. Die ganze Anlage bringt zum Ausdruck: Hier stehe ich, löse mich aus dem Eingewobensein in das ständige horizontale Lebensgeschehen in der Landschaft mit den Tieren, halte die Zeit an und setze einen Punkt im Raum. Ich – hier und jetzt – aufrecht und in der Gegenwart. Ich stehe der irdischen Welt gegenüber.

Eine zweite Stufe ist das Erlebnis, dass ich mich entwickle, während die irdische Welt sich nicht entwickelt, sondern stabil bleibt. Ich als Mensch kündige die erste Zweisamkeit auf und folge dem inneren und äußeren Drang nach neuen Horizonten. «[…] Der herrliche Fremdling mit den sinnvollen Augen, dem schwebenden Gange, und den zartgeschlossenen, tonreichen Lippen» – so beschreibt ihn Novalis. Und wer kann sich nicht erinnern, sich so gefühlt zu haben in seinen romantischen Jahren? Und dann wird es auch bitterernst und existenziell: Kann ich meinen Weg finden, meinen ganz individuellen Weg in dieser so fixierten Welt? In dieser soziologisch gesehen konservativen Erwachsenenwelt, in der religiös gesehen geschöpften Vaterwelt? Und ja, es kann gelingen. Die Menschen von Göbekli Tepe domestizieren den Wolf, und er wird zum Hund – das wilde Fremde wird zum Beschützer des Eigenen. Die vielsamigen Gräser werden gezüchtet zu schwerem, körnertragendem Getreide. Der Boden wird geritzt mit dem Pflug. Licht und Finsternis, Ahura Mazdao und Ahriman werden in die Begegnung gebracht. Aus der neolithischen Revolution geht die Landwirtschaft hervor.

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Webseite der Wochenschrift lesen. Falls Sie noch kein Abonnent sind, können Sie die Wochenschrift für 1 CHF/€ kennenlernen.


Titelbild Göbekli Tepe, Şanlıurfa, Türkei, CC BY-SA 3.0