Ein farbiges Wesen
Martina Maria Sam und Stefan Hasler haben alle Bände zur Eurythmie neu kommentiert und erweitert herausgegeben und so dazu beigetragen, dass es frische Luft und festen Boden für das zweite Jahrhundert der Eurythmie gibt. Ein Gespräch von Wolfgang Held mit den beiden und der Eurythmistin Ulrike Wendt.
Jetzt sind alle Eurythmiebände neu kommentiert herausgegeben – damit schließt sich ein großes Projekt?
Martina Maria Sam Stefan Hasler und Felix Lindenmaier hatten 2012 die Idee, den Toneurythmiekurs neu als Lehrbuch mit Kommentaren und didaktischen Hinweisen herauszugeben. Da kam von der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung der Wunsch, den Band doch gleich innerhalb der Gesamtausgabe zu planen. In diesem Rahmen konnte er aber kein Lehrbuch werden, sondern er musste nach den Prinzipien der Gesamtausgabe herausgegeben werden. Das bedeutete, dass jemand beteiligt sein musste, der mit der Edition von Rudolf Steiners Vorträgen vertraut ist. Dafür wurde ich angefragt. Ich erinnere mich, dass ich damals leise Vorbehalte hatte, weil ich fürchtete, dass Stefan als Eurythmiedozent vielleicht doch zu viel Eigenes zu Rudolf Steiners Wort dazustellen möchte. Ich kannte ihn noch nicht so gut. Bald zeigte es sich aber, dass er sich dem Wortlaut Rudolf Steiners ganz verpflichtet fühlte und sich in die Art der Herausgabe gut hineinfand.
Das war dein erster Ausflug ins Editorische?
Stefan Hasler Ja. Davor war ich mit der Forschung zur Toneurythmie beschäftigt, um genauer zu verstehen, was Steiner genial in aller Kürze entwickelt hat. Ich hatte nie gedacht, Herausgeber von Eurythmiebänden Steiners zu werden und doch hat das Leben Martina und mich über 14 Jahre auf diesen Weg gebracht. Hinzu kamen die Fachkolleginnen und -kollegen, die wir dazugeholt haben: für den Toneurythmiekurs Felix Lindenmaier als Musiktheoretiker, für die Eurythmiefiguren Dino Wendtland. Für jeden Band bildete sich jeweils ein kleines Team.
Sam Stefan ist jemand, der sich schnell in Fremdes hereinfinden kann. So war es auch hier mit der editorischen Arbeit. Wir haben in diesen Jahren ja alles eurythmische Archivmaterial durchgesehen, hatten jeden Zettel in der Hand, auch im Goetheanum-Archiv. So kamen zwei neue Bände dazu, die wir so gar nicht in der Planung hatten – der Band zu den Eurythmiefiguren und die Angaben zu den verschiedenen Sprachen.
Hasler Es waren 180 Notizbücher und 100 Notizzettel, die wir gründlich bearbeitet haben, und wir sind alle Unterlagen von den Pioniereurythmistinnen durchgegangen. Das waren mal drei, mal 20 Kisten. Wir haben das gesamte Umfeld umgegraben, haben, wo immer wir jemanden aus ihren Familien finden konnten, Enkel oder Tante, angesprochen und angeschrieben. Wir haben alle verrückt gemacht.
Ulrike, wie war hier die Resonanz bei den Eurythmiekolleginnen und -kollegen?
Ulrike Wendt Für die ganze Bewegung kann ich nicht sprechen. Aber was da in den Neuausgaben von Laut- und Tonkurs sichtbar wurde, das hat schon eine Wirkung gehabt! Die vielen Notizen der ersten Eurythmistinnen jetzt greifbar zu haben und sie mit den eigenen Erfahrungen und Übwegen vergleichen zu können, ist ein enormer Gewinn. Es ist für mich auch ein Akt der Befreiung – eine Befreiung, die darin besteht, dass sie die Vergangenheit genau nimmt.
Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Webseite der Wochenschrift lesen. Falls Sie noch kein Abonnent sind, können Sie die Wochenschrift für 1 CHF/€ kennenlernen.
Titelbild Plakat von Henni Geck für die Aufführung vom 30. September 1922 in Dornach