Eurythmie mit Maske

Eurythmie mit Maske

28 April 2021 Sabine Deimann 25 mal gesehen

Für Sabine Deimann muss das Tragen einer Maske für die Eurythmie im Kindergarten kein Hindernis darstellen, wenn der atmosphärische Umkreis ‹spricht›.


Seit Einführung der allgemeinen Maskenpflicht versuchte ich mir vorzustellen, was das für die Eurythmie mit den kleinen Kindern bedeuten würde. Die Antwort schien klar: undenkbar! Denn wie sollten sie meine Lippen und Artikulationsbewegungen sehen, meine durch die Gesichtsmimik vermittelte nonverbale Kommunikation? Wie sollte ich meine gewohnte Beziehung zu ihnen herstellen können? Wie sollte ich so ihre Personenwahrnehmung, ihren Ichsinn, erreichen, um ihre Nachahmungskraft entsprechend anregen zu können?

Einschwingen blieb möglich

Anders als in meinen Waldorfkindergärten wurde mir tatsächlich im Zuge zunehmender Restriktionen in einer katholischen Kindertageseinrichtung das Tragen einer Maske bei der Eurythmie zur Bedingung gemacht. Die Leiterin stimmte zu, dass dafür eine ‹clearmask› aus Plexiglas genügte. Die Kinder konnten mich sehen, und ich konnte einigermaßen frei atmen. Es war keine Einschränkung im Ablauf der Eurythmie zu merken, wir konnten das kleine Ding in meinem Gesicht alle vergessen.

Als publik wurde, dass solche ‹Visiere› keinen ausreichenden Schutz bieten und sich die ‹zweite Welle› Ende Oktober ankündigte, die Kitas zwar geöffnet blieben, die Belastungen aber für alle Beteiligten zunahmen, entschloss ich mich beim nächsten Eurythmietermin spontan zum Tragen einer leichten, hellblauen Stoffmaske. Sie zeichnete meine Gesichtskontur ein wenig ab – und ich bekam einigermaßen gut Luft.

Und das Wunder geschah: Die Kinder zeigten sich weder irritiert noch in irgendeiner Weise in ihrem Mitbewegungsimpuls zurückgehalten – in den beiden Integrationsgruppen ebenso wie in der Gruppe mit Kindern zwischen zwei und vier Jahren. Von Anfang bis Ende war es wie immer ein Mitschwingen im Einklang mit der Bewegung in der Geschichte. Auch die einzelnen Kinder verhielten sich weiter wie gewohnt, ihren individuellen Eigenheiten entsprechend.

Schon zuvor war mir aufgefallen, dass sich durch das Tragen der Maske bei mir und bei anderen manches in der zwischenmenschlichen Interaktion verändert hatte. Bekommt die Maske manchmal eine Art Tarnfunktion ohne Anzeichen der gegenseitigen Wahrnehmung, ist dies anders, wenn man in direkten Kontakt mit jemandem kommt, etwa an der Kasse im Supermarkt. Ich meine, dann eine deutlich verstärkte nonverbale Kommunikation zu beobachten – mit verstärkter Mimik um die Augen. Traf ich nun beim Betreten der Kindergärten mit Maske auf einzelne Kinder, so betonte ich bewusst meine Zuwendung durch meine Körpersprache. Aber auch hier wurde mir deutlich, wie schnell sich die Kinder bereits an Erwachsene mit diesem ‹Ding› im Gesicht gewöhnt hatten.

Atmosphärische Gesamtwahrnehmung

Mit diesem Erlebnis wurde klar, dass mein Gesicht und die Sprechmimik für die Kinder in diesem Zusammenhang letztlich zweitrangig sind. Ist doch bei der Eurythmie die gesamte Körpersprache das eigentlich Wichtige! Als ‹sichtbare Sprache› bleibt die Bewegung außerdem nicht auf meine Gliedmaßen und meine Gestalt begrenzt, sie weitet sich vielmehr in den umgebenden Luftraum aus, bringt diesen in Mitschwingung. All dies erfassen die Kinder in einer Art atmosphärischer Gesamtwahrnehmung. Insofern war die Gesichtsmaske für sie tatsächlich kein Störfaktor.

Vermutlich wäre jedoch eine solch selbstverständliche Anschlussfähigkeit nicht so leicht möglich gewesen, wenn die Kinder mich und die Eurythmie nicht bereits gekannt hätten. Grundbedingung für diese positive Erfahrung war wohl die bereits bestehende Beziehung, die ich zu den Kindern aufgebaut hatte.


Quelle ‹Auftakt› Nr. 1/2021 (bearbeitet)