Furcht, Isolation, Arbeitslosigkeit
Der Umgang mit der Covid-19-Pandemie hat weitreichende und tiefgreifende Folgen. In der Web-Seminarreihe ‹Living in Between Spaces: Facing the Gap› (In Zwischenräumen leben: Im Angesicht des Abgrunds) vom World Social Initiative Forum gab Joan Sleigh am 31. Juli Anregungen, wie man in dieser Situation eine eigene Haltung finden kann.
Die Notwendigkeit zu handeln zeigt sich an drei sozialen Notlagen: Furcht, Isolation und Arbeitslosigkeit. Sie sind die drei wichtigsten Herausforderungen der Gegenwart, die durch Covid-19 noch verschärft werden. Die Pandemie macht diese sozialen Übel weltweit zu einer gemeinsamen Erfahrung, in der wir alle vereint sind und von der niemand verschont bleibt. Wie können wir in uns selbst unsere Haltung vom Beobachtenden zum Teilnehmenden ändern?
Im Zusammenhang mit Angst stellten sich mir die Fragen: Wer ist für meine Reaktionen verantwortlich? Werden sie von außen bestimmt, womöglich durch Angst gesteuert? Oder bin ich frei, aus mir selbst heraus zu handeln?
John Carlin beschrieb einmal, wie Nelson Mandela auf die Ermordung von Chris Hani im Jahr 1993 reagierte. Chris Hani war damals ein gefeierter Freiheitskämpfer, und sein vorzeitiger Tod rief in ganz Südafrika Wut und Polarisierung hervor. In dem Moment, als er von diesem Tod erfahren hatte, hielt Nelson Mandela fünf Minuten lang – in völliger Stille – inne, bevor er sich vornahm, die Nation anzusprechen.
Diese sechsminütige Ansprache an alle Südafrikaner war zugleich integrierend und empathisch – was das Land davor bewahrte, in einer Revolution zu implodieren. Das verweist für mich darauf, sich sowohl der Angst selbst als auch der Kluft in uns selbst zu stellen, um uns von lähmenden Denkmustern zu befreien und das innere Nichts als Chance für eine neue mögliche Zukunft zu erkennen.
Jeden Menschen in seiner Würde sehen
In einer Zeit der von außen auferlegten physischen und sozialen Distanz sowie Reisebeschränkungen ermöglichen es Online-Plattformen Menschen auf der ganzen Welt, miteinander zu interagieren. Meines Erachtens geht es bei menschlichen Begegnungen immer um die Frage: Wie erlebe ich das Andersartige, und wie bewirken wir soziale Gerechtigkeit, auch wenn wir mit Isolation und Distanz konfrontiert sind?
Durch die Situation, die wir zurzeit gemeinsam durchmachen, wird uns die Notwendigkeit der menschlichen Begegnung bewusster als zuvor. Und dieses Bedürfnis, Einfühlungsvermögen und Verständnis für den anderen zu entwickeln, bringt die Dringlichkeit mit sich, sich selbst und jeden Menschen wirklich in seiner Würde, in seinem spirituellen Wert, in seinem tatsächlichen Menschsein zu sehen.
Ort, an dem man gebraucht wird
Auch ohne Corona, aber durch die Pandemie verschärft, haben wir es mit einer gewaltigen weltweiten Arbeitslosigkeit zu tun. Dabei kommt der Arbeit eine große Bedeutung zu, die über das bloße Überleben hinausgeht. Denn eine Beschäftigung ist doch mehr als nur ein Gehalt am Monatsende, sie ist eine Aufgabe, eine Tätigkeit, die sich mit den Menschen und dem Ort in Verbindung setzt. Ohne Arbeit oder Auftrag ist ein jeder auf sich selber zurückgeworfen, also in die Isolation gebannt. Es stellt sich die Frage: Worin liegt meine Fülle, habe ich einen Überschuss, den ich anderen zur Verfügung stellen kann?
Wir brauchen beim Blick auf die Arbeit einen Paradigmenwechsel: Arbeit sollte als zielgerichtetes Handeln gesehen werden, als eine Berufung, sich konstruktiv mit der sozial-kulturellen Umgebung zu verbinden.
Aus dem Englischen von Sebastian Jüngel.