Jetzt hat der ‹Faust› eine Seele
In zwei Monaten finden am Goetheanum die ‹Faust›-Festspiele statt. 2020 feierte die Inszenierung Premiere (Regie: Andrea Pfaehler, eurythmische Leitung: Eduardo Torres). Jetzt kommen die Spieler/innen und Eurythmist/inn/en – bald 70 helfende Händepaare – zusammen, um das größte deutschsprachige Bühnenwerk wieder entstehen zu lassen.
Die zweite Schulklasse, die zweite Liebe, das zweite Goetheanum – für den Folgeschritt gelten andere, strengere Gesetze als für den ersten. Die Geister, die als Zauber des Anfangens Rückenwind gegeben haben, fragen jetzt, ob man sich und der Aufgabe treu ist, um weiterzugehen.
Wolfgang Held Wiederaufnahme ‹Faust›, was bedeutet im Theater solch ein ‹Noch einmal›?
Andrea Pfaehler Eine Wiederaufnahme, wie wir sie jetzt vor uns haben, ist eine zweite Geburt, wie das Geschwisterkind, das in die Familie kommt. Das Wunder des Theaterspiels ist ja, dass nichts bleibt wie beim Film. Was auf der Bühne geschehen ist, hat sich aufgelöst in den Herzen und Köpfen all derer, die dabei waren – und in den Mauern des Goetheanum.
Jetzt freu ich mich, dass wir mit einzelnen Szenen, einzelnen Schauspielerinnen und -spielern anfangen zu proben, sodass unser ‹Faust› Stück für Stück aufwachen und neu wachsen kann. Wir müssen kein Fundament legen – das war letztes Jahr der Kraftakt –, jetzt geht es darum, weiterzugehen, tiefer zu graben!
Beziehungen steigern
Held Wenn die ‹Faust›-Inszenierung ein Wesen ist, um was bittet es Sie, das Ensemble für diesen nächsten Schritt?
Pfaehler Wir haben mit der Neuinszenierung eine Landschaft zum Leben gebracht. Jetzt wollen wir die Beziehungen all dessen, was darin lebt, steigern. Ich denke, das bedeutet, die Texte tiefer, präziser zu verstehen. Feiner werden – so ist mein Gefühl.
Ich vermute, es ist kein Zufall, dass wir die erste Probe mit Figurenspieler Stefan Libardi und seinen neuen Puppen hatten. Da dreht sich alles um das Leben des Euphorion, dieses geheimnisvollen Kindes von Helena und Faust. In dieser Szene gab es letztes Jahr noch Brachland. Jetzt, mit dem Puppenspiel, bringen wir – wenn es uns gelingt – hier Leben und Seele hinein. Wie können wir in die Stille, in die Zwischentöne gehen? Das fragen wir uns in den Wochen bis zur Premiere von ‹Faust 2021›. Oder in einem anderen Bild: Letztes Jahr haben Eduardo Torres und ich und mit uns dieses große Ensemble einen Stier bei den Hörnern gepackt, um einen neuen ‹Faust› auf die Bühne zu bringen. Jetzt untersuchen wir das Fell dieses Tiers und schauen ihm in die Augen, je konzentrierter und ruhiger, umso besser.
Held Was sehen Sie da?
Pfaehler Ich habe das Gefühl, dass ich mit allen Spielerinnen und Spielern verbunden geblieben bin. Ich spüre sie! Bevor sie für die Proben wieder ans Goetheanum kommen und wir uns (geistig) in die Arme fallen, habe ich längst begonnen, mit ihnen innerlich zu arbeiten. Das wird schnell in die Tiefe gehen – wie bei einer Arbeit, die man nach einer durchschlafenen Nacht von Neuem in die Hand nimmt und merkt, dass in dieser Auszeit viel geschehen ist.
Am Goetheanum geht es ja nicht darum, ‹neue› Bilder zu präsentieren, sondern – wie ich meine –, dass wir so spielen, so Schauspiel, Eurythmie und Musik zusammenbringen, dass wir als Zuschauende und Zuhörende es tiefer spüren können.
Von Schmerz zu Vertrauen
Held Was bleibt?
Pfaehler Die Architektur, die Struktur der Szenen, das ist für unser Gefühl gelungen. Wie die Figuren stehen und gehen, wie der Raum beschaffen ist, darauf bauen wir. Jetzt geht es um Feinarbeit, um, ja vielleicht Innenarchitektur – und darauf freue ich mich riesig! Das gilt auch für die kleineren und größeren ‹Baustellen› in der Inszenierung, wie die Musik im Mummenschanz, die epische Breite im Ägäischen Meer – die müssen und wollen wir verwandeln.
Eine Inszenierung ist wie der menschliche Charakter. Wenn ich eine Schwäche, etwas Unbeseeltes an mir gesehen habe, sollte ich es bearbeiten, weil sie sonst Schaden anrichtet, mehr als vor seiner Entdeckung.
Held Worauf kommt es dabei an?
Pfaehler Dieses Werk von Johann Wolfgang Goethe ist in jeder Zeile voller Liebe und Weisheit. Wo es uns gelingt, diese Tugenden in uns zu wecken und in uns zusammenzuführen, werden wir, so glaube ich, kompromisslos und bleiben dabei im Herzen doch weit. So kann Künstlerisches wachsen, finde ich.
Held Wie kann ein Regieteam, eine Gemeinschaft kompromisslos werden?
Pfaehler Durch Offenheit! Wir sind untereinander – Eduardo Torres und ich, die Regieassistentin Isabelle Fontagne und Julia Strahl von der Schneiderei, Sie als Dramaturg und Eduardo – durch Schmerzen gegangen. Daraus ist Vertrauen gewachsen, und Vertrauen lässt uns offen zueinander sein. Wir sollten uns jetzt alles sagen können, weil wir den Schmerz gemeinsam erlebt haben.
Faust, durchmenschlicht
Held Wenn Sie die Augen schließen, welche Bilder des ‹Faust› kommen?
Pfaehler Früher habe ich den ‹Faust› in der großen Geschichte gefunden und gesehen. Jetzt hat er eine Seele bekommen durch die Menschen, die hinter und auf der Bühne das möglich machen. ‹Faust› ist durch die Herzen, Hände und Häupter aller im Ensemble gegangen. Ich kann ‹Faust› nicht mehr denken, ohne deren Stimmen und Regungen. Das ist der große Unterschied für mich, es ist alles durchmenschlicht.
‹Faust›-Wochenenden (Änderungen möglich)
2. bis 4. Juli 2021 ‹Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn›. Mit Rahmenprogramm der Sektion für Sozialwissenschaft.
16. bis 18. Juli 2021 ‹Wo fass ich dich, göttliche Natur?!›. Mit Rahmenprogramm der Mathematisch-Astronomischen und Naturwissenschaftlichen Sektion.
23. bis 25. Juli 2021 ‹Den lieb ich, der Unmögliches begehrt›. Mit Rahmenprogramm der Sektion für schöne Wissenschaften.
30. Juli 2021 bis 1. August 2021 ‹Die Erde verjüngen›. Mit Rahmenprgramm der Sektion für Landwirtschaft und der Jugendsektion.
Web faust.jetzt