Lernen von Osteuropa
Was sich jetzt im Westen abspielt, ist eigentlich dasselbe, was zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Sowjetunion und nach dem Zweiten Weltkrieg in Ost- und Mitteleuropa geschah: eine kollektive Stigmatisation.
1989 lehnte der Westen seine eigene Erneuerung ab; dadurch konnte nichts Neues, nichts Geistiges entwickelt werden. Nun sehen wir, wie vor unseren Augen alles, was aus der westlichen Kultur heraus an geistiger Freiheit lebte, zerbricht und wie verschwindet, was sie zu einer Gemeinschaft formen könnte.
Gegengift Dreigliederung
Wir im Osten galten als Verlierer. Dabei haben wir zunächst vom Kommunismus, dann vom Kapitalismus alles Mögliche gelernt. Leider haben viele unserer westlichen Brüder und Schwestern darauf verzichtet, etwas aus den Erfahrungen mit dem Kommunismus in Osteuropa zu lernen. Beispielsweise wurde wenig für die Dreigliederung getan, die nach Rudolf Steiner als einzige Alternative dem Bolschewismus gegenübersteht (GA 199, Vortrag vom 7. August 1920, 1985, Seite 41).
Wir sehen heute, dass Minderheiten nach einem Meinungsmonopol streben und andere dazu zwingen, sich zurückzuziehen, wenn nicht zu unterwerfen. Alles, was eine gemeinsame Wurzel, einen gemeinsamen Stolz oder einen gemeinsamen kulturellen Wert hat, wird abgelehnt. Rudolf Steiner beschrieb diese Tendenz aus der Perspektive seiner Zeit so: «Es wird gar nicht lange dauern, wenn man das Jahr 2000 geschrieben haben wird, da wird nicht ein direktes, aber eine Art von Verbot für alles Denken von Amerika ausgehen, ein Gesetz, welches den Zweck haben wird, alles individuelle Denken zu unterdrücken. Auf der einen Seite ist ein Anfang dazu gegeben in dem, was heute die rein materialistische Medizin macht, wo ja auch nicht mehr die Seele wirken darf, wo nur auf Grundlage des äußeren Experiments der Mensch wie eine Maschine behandelt wird.» (GA 167, Vortrag vom 4. April 1916, 1962, Seite 98f.)
Ausgrenzungen
Heute stellt sich das so dar: West-Europa und die USA verlieren – auch auf geistiger Ebene – ihr Prestige; Hassrede und Rassismus herrschen in sozialen Medien oder offen durch Personen des öffentlichen Lebens; Facebook und Twitter schränken Meinungen ein, die von der sogenannten politisch korrekten Kommunikation abweichen. Dadurch droht ein Verlust der Berufstätigkeit für nach diesem Maßstab ‹schlechte› Worte – sogar nachträglich, Jahre, nachdem sie geäußert wurden.
Der Westen scheint jetzt zu zahlen, was er nicht aus den Erfahrungen mit der kommunistischen Zwangsherrschaft lernen wollte. Wie wach erkennen und beurteilen wir innerhalb der anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft, was gegenwärtig geschieht?