Liebe in der Erziehung
Stangenbohnen brauchen Sonne, kleine Kinder auch. Wer in der Schweiz Stangenbohnen im März aussät, wird sich nicht an den schnell wachsenden Kletterpflanzen erfreuen können.
Es ist einfach noch zu kalt für die Keimung. Wer einer Sau im norwegischen Winter beim Ferkeln helfen möchte, muss den Stall gut abdichten und eine Infrarotlampe aufhängen. Wer Investoren sucht für ein modernes Segelschiff, das Biogewürze und Kaffee aus der südlichen Hemisphäre nach Europa bringt, muss Begeisterung wecken.
Das gilt auch für die Erziehung. Wer sich um kleine Kinder in der Familie oder in der Einrichtung kümmert, wird mit Stress, Sorgen und Gewinnkalkül nicht weit kommen. Aber mit Freude, Großzügigkeit und einer herzlichen Beziehung zu Eltern, Kolleginnen und Kollegen sowie Kindern entstehen günstige Entwicklungsbedingungen. «Freude und Lust sind die Kräfte, welche die physischen Formen der Organe in der richtigen Art herauslocken»[1], meinte Steiner 1907. «Heitere Mienen der Erzieher und vor allem redliche, keine erzwungene Liebe. Solche Liebe, welche die Umgebung gleichsam warm durchströmt, brütet im wahren Sinn des Wortes die Formen der physischen Organe aus.»[2] Einfach gesagt, oft zitiert, aber tatsächlich eine große Herausforderung für das Leben zu Hause, in der Krippe und im Kindergarten. Eine Kollegin aus Wien sagte: «Wir brauchen in der Waldorfkrippe eine ‹professionelle Freundschaft›, eine ‹professionelle Liebe› zu Eltern und Kolleginnen.»
Gelegentlich sprudeln Liebe, Freundschaft und seelische Wärme von allein. Aber zu manchen Eltern, Kolleginnen und Kindern bleibt die Quelle trocken. Das kleine Kind braucht sie aber zur Entfaltung wie der Bohnensamen. Sie macht die Aufmerksamkeit und die Pflege wirksam. Professionell sein heißt also für Erziehende: Eine Sonne werden, die immer auf alles strahlt, und die Stangenbohnen nicht an manchen Tagen einfach im Schatten stehen lässt.
Ich bin die Quelle meiner Wärme
Alles kommt darauf an, ob die Erwachsenen in der Krippe und im Kindergarten die Liebe jenseits von Sympathie und Antipathie als wirksames Gefühl durch innere Aktivität erzeugen können. Es ist wesentlich schwieriger, als eine Infrarotlampe aufzuhängen. Carl Rogers hat viele Anregungen gegeben, um diese Haltung zu erzeugen, die er Empathie nennt.[3] Auch bei Rudolf Steiner findet sich vieles, etwa in der Aufsatzsammlung ‹Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?›, die in Bezug auf viele Passagen auch den Titel haben könnte: ‹Wie wird man Waldorferzieherin?› Sobald das Gefühl auftauche, jemand anders sei der Grund dafür, dass bei mir die Wärme- und Lichtquelle versiege, sobald ich deshalb anfange, ihn als Gegner zu betrachten, dem ich Härte und Kälte zeige, wäre es gut, mich zu fragen: Was kann ich selbst tun, um die Wärme- und Lichtquelle wieder freizuschaufeln? Wenn mich ein Kind, eine Kollegin oder ein Kollege immer stört, wäre es ein Ziel, diese Person nicht zu hassen, sondern mich zu fragen: Wie kann ich mich selber verhalten, dass sie sich in Zukunft entwickelt und vielleicht nicht mehr stört?[4]
Dieser Text ist ein Auszug aus einem Artikel, der in der Wochenschrift ‹Das Goetheanum› veröffentlicht wurde. Sie können den vollständigen Artikel auf der Webseite der Wochenschrift lesen. Falls Sie noch kein Abonnent sind, können Sie die Wochenschrift für 1 CHF/€ kennenlernen.
Fußnoten
- Rudolf Steiner, Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft, in: Lucifer-Gnosis. Gesammelte Aufsätze. GA 34, S. 327.
- Ebd. S. 328.
- Siehe z. B. Carl Rogers, Der neue Mensch. Gesammelte Aufsätze. Klett-Cotta, Stuttgart 2017.
- Rudolf Steiner, Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? ga 10, S. 106: «Bin ich Erzieher und mein Zögling entspricht nicht dem, was ich wünsche, so soll ich mein Gefühl zunächst nicht gegen den Zögling richten, sondern gegen mich selbst. Ich soll mich so weit als eins mit meinem Zögling fühlen, daß ich mich frage: ‹Ist das, was beim Zögling nicht genügt, nicht die Folge meiner eigenen Tat?› Statt mein Gefühl gegen ihn zu richten, werde ich dann vielmehr darüber nachdenken, wie ich mich selbst verhalten soll, damit in Zukunft der Zögling meinen Forderungen besser entsprechen könne.»
Bild Zeichung von einem Mädchen (6 Jahre) aus Argentinien 1990, Quelle: Archiv ChildArt e.V.