Neue Landesrepräsentantin Jane Bradshaw
Seit August vertritt Jane Bradshaw die Anthroposophische Gesellschaft in Australien als Landesrepräsentantin. Die Pflegefachfrau mit Spezialgebiet Lebererkrankungen absolvierte die Ausbildung für anthroposophische Pflege in Neuseeland und hat Erfahrungen als Spielgruppenleiterin, Hilfskraft im Kindergarten und in der Leitung von Gremien.
Sebastian Jüngel Was zeichnet Ihr Land aus?
Jane Bradshaw Durch seine große Weite hat Australien die geringste Bevölkerungsdichte weltweit – mit nur drei Menschen pro Quadratkilometer. Die großen Entfernungen führen zu vielen abgelegenen Gemeinden.
Die Australier/innen bilden heute eine der ethnisch vielfältigsten Gesellschaften mit etwa 24 Millionen Menschen. Wir kamen als freie Siedler und Sträflinge, Einwanderer und Flüchtlinge. Australier/innen sind für ihre entspannte und lockere Lebenseinstellung und ihre Liebe zur Natur bekannt.
Unser von der Sonne gezeichnetes Land erstreckt sich über 7,7 Millionen Quadratkilometer und ist anfällig für Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Dürren und Brände. Die Klimazonen reichen vom tropischen Regenwald und Wüsten über kühl temperierte Wälder bis zu schneebedeckten Bergen; es gibt sehr verschiedene und einige lebensgefährliche Tiere. Wechselhafte Wetterverhältnisse können dazu führen, dass an einem Tag eine warme Brise aus dem Norden weht und die Menschen an den Strand gehen und am nächsten Tag ein Sturm aus dem Süden Schnee auf die Berggipfel bringt.
Kulturelle Heilung
Jüngel Welche Rolle spielt die traditionelle Spiritualität in Australien?
Bradshaw Ich schätze die Ureinwohner/innen und ihre tiefe Verbundenheit mit dem Land und dem Wasser, den Pflanzen und Tieren und dem Geistigen. Ihre Schöpfungsgeschichten, die in wunderschönen Gesängen, Tänzen und Kunstwerken Ausdruck finden, geben Zugang zu ihrem Bilderbewusstsein. Sie bezeichnen sich selbst als die am längsten bestehende Gemeinschaft. Heute haben sie einen Anteil von 2,4 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Ihre ‹Ältesten› sind Respektspersonen jedes Alters innerhalb der Gemeinschaft der Aborigines; sie haben das Vertrauen, das Wissen, das Verständnis und die Berechtigung, über Kultur zu sprechen.
Die Australier/innen haben angefangen, Respekt gegenüber den Ureinwohner/inne/n aufzubauen und die Kluft zwischen ihrem konventionellen Denken einerseits und der Kultur und der Spiritualität der Aborigines andererseits zu überwinden. Das Ringen mit den Folgen eines brutalen Kolonialismus, die nicht verheilten Wunden aus der Vergangenheit und fortdauernder Ungerechtigkeit verlangsamen diesen Prozess. Die Anthroposophische Gesellschaft in Australien begrüßt die Möglichkeit des Austausches von Geschichten und Weisheiten, um eine kulturelle Heilung herbeizuführen.
Als Landesgesellschaft mit globalem Anspruch muss die Anthroposophische Gesellschaft mutig für die von spirituellen Einsichten geprägte Menschenwürde eintreten. Rudolf Steiners Erkenntnisse über die Entwicklung der Planeten und des menschlichen Bewusstseins verdienen eine wissenschaftliche Vertiefung. Der Austausch über die Einzigartigkeit der südlichen Hemisphäre ist mir wichtig.
Befreiung vom eigenen Trauma
Jüngel Sie arbeiten mit leberkranken Patient/inn/en, indem Sie sie ihre Geschichten erzählen lassen. Wie sind Sie zu dieser Art von Therapie gekommen?
Bradshaw Ich blicke auf ein bewegtes Leben mit traumatischen Erlebnissen und reichen Erfahrungen zurück. Ich habe meine Freiheit entdeckt, und ich wurde durch das intensive Zuhören von Freunden und Fachleuten dazu ermutigt, mich auf eine neue Zukunft einzulassen. So kam ich darauf, für meine Patient/inn/en einen wertungsfreien Hörraum zu schaffen.
Denn in meiner Pflegearbeit treffe ich viele traumatisierte Patient/inn/en: Verwahrlosung, Missbrauch, Freiheitsentzug und Sucht sind weit verbreitet. Viele leiden unter Stigmatisierung und Diskriminierung in der Gemeinschaft und durch Bürokratie. Ihre Resignation und Angst vor ihrer Diagnose und Genesungsprognose sind deutlich zu erleben. Zu meiner Rolle gehört als innere Haltung Liebe und einen sicheren Raum zu bieten, in dem die Patient/inn/en ihre Lebensgeschichte erzählen können.
Jüngel Was macht das Erzählen von Geschichten heilsam?
Bradshaw Viele öffnen sich zum ersten Mal – das kann eine erlösende Erfahrung sein. Als Therapeutin möchte ich anregen, eine gewisse innere Befreiung von vergangenen Traumata ermöglichen und die Willenskräfte stärken, damit es zu einer Heilung kommen kann. Die kleinste Tat dient, wenn sie mit hohen Idealen verbunden ist, dem Mitmenschen und der Menschheit – unterschätzen Sie niemals Ihren Beitrag als Mensch (wir alle sind Heilende oder Therapeut/inn/en).
Jüngel Welche Geschichte lässt sich über die Anthroposophische Gesellschaft in Australien erzählen, die für Australien heilend wirkt?
Bradshaw In jüngster Zeit haben Zweigleitende und der Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Australien daran gearbeitet, das bewusste Zusammenwirken in unserer Gesellschaft zu verbessern. Eine unserer Fragen lautet: Wie erkennen wir die individuellen Bedürfnisse jedes einzelnen Mitglieds und der Gruppe und fördern gleichzeitig Zusammenarbeit, Zusammenhalt und Gemeinschaftsbildung für das Gemeinwohl? Diese Arbeit wird uns unterstützen, wenn wir uns willentlich und aus Liebe in spiritueller Verbundenheit vereinigen. Wir haben neun Handlungsschwerpunkte herausgearbeitet: Zusammenarbeit, Herzenswärme, gutes Zuhören, Verwirklichen des Geistigen, Stärkung des Vertrauens, Wahrhaftigkeit, innere Entwicklung, Mut zum Handeln und Dankbarkeit.
Eintritt ins Unbekannte
Jüngel Wie werden Sie als Landesrepräsentantin arbeiten – für welches Ziel?
Bradshaw Ich habe mir vorgenommen, mich umfassend und oft mit Mitgliedern und Initiativen zu beraten. Horizontale und kollegiale Führungsaufgaben sind gemeinsam zu gestalten. Ich bin mir bewusst, dass ich die Vergangenheit ehren und im Augenblick voll präsent sein muss, um offen zu sein für das, was die Zukunft verlangt. Es ist ein Schritt ins Unbekannte. Ich vertraue darauf, dass mich tägliches Meditieren und die von Rudolf Steiner gegebenen Hinweise in meinem Bemühen, das Gute zu tun, leiten werden.
Aus dem Englischen von Sebastian Jüngel.
Web: Anthroposophical Society in Australia