Peter Tradowsky
Für den in Berlin (DE) geborenen und zeitlebens dort wirkenden Peter Tradowsky scheint schon seine Kindheit wie eine Vorbereitung auf seine Verbindung mit Rudolf Steiner und der Anthroposophie gewesen zu sein.
Kriegserlebnisse führten zu einem großen Interesse an der Menschenkunde. Durch seine Mutter kam er zur Christengemeinschaft, im Konfirmandenunterricht hörte er die Parzival-Geschichte und fand darin seine Lebensgrundlage.
Er studierte an der Freien Universität Berlin Germanistik und Geografie mit dem Ziel, Waldorflehrer zu werden. Seine Erfahrungen mit dem staatlichen Schulsystem bestärkten ihn in seinem Vorsatz. So wirkte er jahrelang als Oberstufenlehrer und auch als Geschäftsführer der Rudolf-Steiner-Schule Berlin. Er war Mitgründer des Arbeitszentrums Berlin, dann im Auftrag des Initiativkreises Bauherr des Rudolf-Steiner-Hauses Berlin, schließlich tragender Mitarbeiter im Arbeitszentrum. Unvergesslich sind seine Vorträge in Berlin und anderen Städten, vor allem die Jahresrückblicke zu Silvester.
Vermittlung der Anthroposophie
Als Vermittler der Stunden der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft und als Leiter von Arbeitsgruppen und Seminaren hat er vielen Menschen die Vertiefung ihrer anthroposophischen Erkenntnisse ermöglicht. Auch in der DDR und bis zuletzt in den neuen Bundesländern prägte er die anthroposophische Arbeit maßgeblich mit, insbesondere im Rahmen der Freien Hochschule. Einladungen zu Vorträgen und Seminaren aus anderen Ländern folgte er gern; besonders in Paris entwickelte sich eine regelmäßige Arbeit.
Eine lange Vorbereitung führte Peter Tradowsky dazu, das Schicksal Kaspar Hausers auf geisteswissenschaftlicher Grundlage zu erforschen und zu verbreiten. Auch die Demetrius- und Johannesfragen behandelte er. Weitere Veröffentlichungen, zum Teil in andere Sprachen übersetzt, zeigen seine Beschäftigung mit drängenden Zeitfragen. Er war ein Zeitgenosse im besten Sinne des Wortes, verband tiefste Innerlichkeit mit lebenspraktischen Notwendigkeiten des Alltags, die er ebenso getreulich erfüllte.
Pflege des Christusimpulses
Sein Lebensziel, das ihn durch schwere Zeiten der äußeren Verleumdungen und Anfeindungen trug, war die geistige Gemeinschaft mit dem Christus, die Pflege des Christusimpulses. Schon lange hatte er sich mit Fragen zum Phantomleib besonders in Rudolf Steiners Karlsruher Vortragszyklus ‹Von Jesus zu Christus› (GA 131) beschäftigt, als er durch das Auftreten der Wundmale und die damit verbundene Veränderung der physischen Leibesfunktionen bei seiner Mitarbeiterin im Rudolf-Steiner-Haus mit einem schicksalhaften Ereignis konfrontiert war, das viele Fragen mit sich brachte. In beständiger Treue und liebevoller Zuwendung war er helfend an der Seite von Judith von Halle, hat ihr Schicksal mitgetragen und ihre geisteswissenschaftliche Arbeit unterstützt.
Seine Liebe und Güte – nicht zuletzt auch seine Fürsorge für die Mutter Erde – sind Zeichen einer Menschlichkeit, die heute im alltäglichen Getriebe oft untergeht. ‹Die Trägheit des Herzens› (Untertitel des Kaspar-Hauser-Romans von Jakob Wassermann) zu überwinden, war ein tiefes Anliegen von Peter Tradowsky. Bis zuletzt war er erfüllt von großer Dankbarkeit für die Vielfalt von Lebensbegegnungen und Ereignissen, die ihm schicksalhaft zuteil wurden.