Rassismus überwinden

Rassismus überwinden

23 März 2021 Matthias Nieder­mann 139 mal gesehen

Die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland geht die Rassismus- und Antisemitismuskritik mit einer Plattform und mit Gesprächen an.


In den letzten Jahren wird in der Medienöffentlichkeit in Deutschland eine zunehmend kritische Haltung gegenüber der Anthroposophie und Rudolf Steiner sichtbar. Die Vorwürfe sind grundsätzlich nicht neu: Rassismus, Antisemitismus, Impfgegnerschaft und insgesamt ein verschrobenes esoterisches Weltbild.

Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte die tendenziöse Berichterstattung im Herbst 2020; infolge der Corona-Proteste werden «Anthroposophen» in einem Atemzug mit Rechtsnationalen, Verschwörern, Reichsbürgern und esoterischen Impfgegnern genannt.

Der kommunikative und sinnvolle Schritt war selbstverständlich eine eindeutige Stellungnahme und Distanzierung. Doch wird dadurch das Problem nachhaltig gelöst? Wo liegt das aktuelle Problem überhaupt?

Zeit für eine natürlich nicht repräsentative, aber durchaus interessante Erkundungsreise. Als ‹afroeuropäischem Anthroposophen› begegnet mir Rassismus meistens an der Supermarktkasse. In anthroposophischen Einrichtungen? Fehlanzeige!

De-Kontextualisierung

Die von mir befragten Experten, die zu diesem Themengebiet publiziert haben, winken müde ab: «Es ist doch schon alles gesagt! Was soll man dazu noch schreiben?» Meine Freunde aus dem linkspolitischen Lager wollen klare Abgrenzungen, und die kulturwissenschaftlich Gesinnten deuten an, dass eine aktuelle historische Aufarbeitung und Kontextualisierung anstehen würde.

Der Blick ins Internet und in die sozialen Medien macht deutlich, wo das Problem liegt: eine unüberschaubare Menge an Detailinformationen, jeder kocht sein Süppchen für sich – mal virtuoser, mal weniger. Die digitalen Medien treiben ein geistiges Phänomen auf die Spitze: die De-Kontextualisierung der De-Kontextualisierung. Was einmal veröffentlicht ist, kann nicht mehr eingefangen werden. Hier kursieren die wildesten Gerüchte – nicht nur in Bezug auf die Anthroposophie und Rudolf Steiner. Im digitalen Medium bewirkt eine Gegendarstellung kaum was. Für sich allein geht sie unter.

Was aber paradoxerweise wirkt, ist, wenn Menschen ein interessantes Gespräch führen, wenn Unterschiede sichtbar werden und ihre gegenseitige Bezogenheit erkennbar wird. Es ist ein Vernetzen, das nur funktioniert, wenn dabei ein echtes Interesse, eine echte Neugier, eine echte Frage zu spüren sind.

Informieren und miteinander sprechen

Wo aber ansetzen? Uns wurde klar, dass gerade diese Qualitäten, die eine Wirkung ausmachen, sich zunächst im Raum des gesprochenen Wortes entfalten, dort, wo Intention, Bedeutung und Wirkung eine wahrnehmbare Einheit bilden. Die fast automatische Tendenz zur De-Kontextualisierung braucht als Gegengewicht den konstruktiven und kritischen Dialog inhaltlicher Positionen – auch mit Andersdenkenden – sowie dessen Einbettung in einen gesellschaftlich realen Zusammenhang und Diskurs.

Wir haben nun mit dem Aufbau einer Homepage begonnen, mit dem Ziel, einen Bezugspunkt im Internet zu schaffen. Hier werden wir Informationen, Perspektiven, Kontroversen und Stellungnahmen zu den Rassismus- und Antisemitismus-Vorwürfen zugänglich machen. Das ist die äußere Seite des Projektes.

Wichtiger ist uns aber das Gespräch mit Menschen: Wie haben sie zu den Rassismus-fragen geforscht, was haben sie entdeckt? Wo sehen sie etwas kritisch und wo nicht?

Wir planen einerseits Veranstaltungen mit Podiumsgesprächen, die sich mit den kritischen Fragen auseinandersetzen. Anderseits entwerfen wir eine Podcastreihe, in der wir unterschiedliche, höchst individuelle Menschen befragen wollen.

Ich hoffe, damit können wir nicht nur zur Aufklärung der Sachverhalte beitragen, sondern auch ein Wissen generieren, das uns hilft, den relevanten Rassismus an der Supermarktkasse – oder wo auch immer im Alltag – zu überwinden.


Web Anthroposophie zur Rassismus- und Antisemitismuskritik