Schatzmeisterbericht

Schatzmeisterbericht

23 März 2021 Justus Wittich 33 mal gesehen

Das Goetheanum ist im ersten Jahr der Corona-Pandemie mit einem ‹blauen Auge› davongekommen. Es stehen jedoch einander Kredite und Erbschaften gegenüber.


Im Laufe des letzten Jahres haben mich nicht wenige Menschen ob meiner Aufgabe als Schatzmeister des Goetheanum bedauert. Zu Recht, könnte man meinen, denn das Haus war für insgesamt vier Monate – von Mitte März bis Ende Juni und die Wochen vor Jahresende 2020 – komplett geschlossen und in der übrigen Zeit mit gravierenden Auflagen und Einschränkungen belastet: keine Konferenzen, internationalen Tagungen und künstlerischen Aufführungen!

Wir konnten, finanziell gesehen, ständig nur ‹auf Sicht› fahren, hatten einen Investitionsstopp – und jede vorausschauende Planung war unmöglich. Allein bis Ende Juni 2020 haben wir dem Kanton Solothurn als Veranlasser der Schließung den Betrag von 670 000 Franken als entgangene Einnahmen gemeldet.

Im Grunde genommen fehlte insgesamt ein ganzes Quartal an Veranstaltungsbetrieb, und die Einnahmen des Goetheanum hätten entsprechend um rund 25 Prozent zurückgehen müssen. Viele Mitarbeitende mussten wir – bei voller Lohnzahlung – in Kurzarbeit schicken, erhielten dafür aber einen Teilausgleich.

Getragen von der Mitgliedschaft

Gut, könnte man dagegenhalten, in Mitteleuropa oder der Schweiz leben wir in verhältnismäßig luxuriösen Bedingungen gegenüber anderen Regionen der Welt: Der Kanton und der Bund stellten über die örtliche Bank dem Goetheanum eine Soforthilfe per Darlehen in Höhe von 500 000 Franken zur Verfügung, die wir ab 2021 über fünf Jahre ohne Zinsen zurückzahlen müssen. Und wir erhielten – auf das ganze Jahr 2020 gesehen – gegenüber einer Gesamtlohnsumme von 9,4 Millionen Franken immerhin einen Betrag von 382 000 Franken als Entschädigung für die durch die behördliche Schließung verursachte Kurzarbeit zurück. Bei einem für die Kulturinstitutionen in der Schweiz aufgelegten Erstattungsfonds fiel das Goetheanum dann nach einer halbjährigen aufwendigen Antragsbearbeitung im Dezember durch, weil wir nicht mehr als 50 Prozent im (amtlich definierten) Kulturbereich tätig seien.

Dass das Goetheanum dennoch im Jahresabschluss überraschend auf etwa die gleichen Einnahmen von 13,9 Millionen Franken im ordentlichen Ergebnis gekommen ist wie im Vorjahr (plus 1,3 Prozent), haben wir maßgeblich dem Zusammenstehen der weltweiten Mitgliedschaft auf der einen und der Mitarbeiterschaft des Goetheanum auf der anderen Seite zu verdanken.

Da ist zum einen das Faktum, dass die Mitgliedsbeiträge 2020 über die 35 Landesgesellschaften und über die Einzelmitglieder stabil blieben, obwohl so manches Land selbst und dort auch eine nicht geringe Zahl von Mitgliedern unter Corona-Bedingungen zu leiden haben. Zudem ist es die Tatsache, dass ein spät im Jahr (kurz vor Weihnachten 2020) hinausgegangener Aufruf als Brief in deutschsprachige Länder und online an alle erreichbaren Mitglieder – versehen noch mit einer kleinen Videobotschaft – innerhalb von 14 Tagen insgesamt 1,5 Millionen Franken Spenden und Zuwendungen von einzelnen Mitgliedern und einzelnen Zweigen für das Goetheanum erbracht hat. Weit über den helfenden Geldbetrag hinaus ist es ein tiefgreifendes Gefühl für die Mitarbeitenden am Goetheanum, wenn sich in einem solchen solidarischen Handeln so viele einzelne Menschen mit kleinen und großen Beträgen an der gemeinschaftlichen Aufgabe beteiligen.

Vielfacher Verzicht auf Rückzahlungen

Schließlich hat die große Flexibilität der Mitarbeitenden am Goetheanum, der Sektionen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft und der Abteilungen des Hauses dazu beigetragen, dass wir jeweils auf die aktuelle Situation rasch reagiert haben, die ‹Faust›-Festspiele im Juli und der Ergänzungstermin im Oktober 2020 mit den erlaubten Plätzen jeweils ausverkauft waren, zahlreiche Gäste bei den umständehalber stornierten Karten auf eine Rückzahlung verzichteten, praktisch alle Reisen in die Welt und die Reisekosten der Dozierenden bei Tagungen wegfielen und anderes mehr. Im Ergebnis wurden rund 900 000 Franken weniger ausgegeben – bei gleichen Einnahmen wie im Vorjahr.

Im Bereich des außerordentlichen Ergebnisses – beispielsweise Einnahmen aus Liegenschaften und anderem – reichten die erfreulicherweise erzielten 1,1 Millionen Franken nicht für ein ausgeglichenes Ergebnis aus: Das Gesamtjahresergebnis beträgt minus 475 896 Franken. Wir werden hierzu zwar noch einen Antrag an den Härtefonds des Kantons stellen (möglich bei mehr als 40 Schließungstagen); es ist aber ungewiss, ob hier noch ein Ausgleich erfolgen wird.

Erhöhung der Eigenmittel

Im Bereich der Vermögensbilanz ist uns im letzten Jahr durch eine Erbschaft eine historische Immobilie der Dornacher Kolonie (Baujahr 1921) zugekommen, die wir in der Bilanz zwar verbucht, aber sogleich – weil wir derartige Gebäude in Dornach nicht verkaufen – wieder auf 1 000 Franken Erinnerungsposten berichtigt haben. Eine weitere Erbschaft über den nahestehenden Dotationsverein war seit 20 Jahren zugesprochen, konnte aber erst nach Ablauf einer Sperrfrist verwertet werden und ist mit 830 000 Franken für eine spezielle Aufgabe in der Goetheanum-Dokumentation gewidmet (sie wird daher in die zweckgebundenen Rücklagen gebucht).

Insofern hat sich – trotz des negativen Jahresergebnisses – die Situation der Eigenmittel verbessert. Allerdings ist hier zu beachten, dass wir einen Verlustvortrag von gut 1,1 Millionen Franken vor uns herschieben, der eben nur durch die hohen Rücklagen für bestimmte Aufgaben mehr als ausgeglichen wird. Es gilt daher in den nächsten Jahren, diesen Verlustvortrag nach Möglichkeit wieder abzubauen.

Einen besonderen Dank möchte ich an dieser Stelle dem tüchtigen und hart arbeitenden Team der Finanzabteilung um Oliver Conradt aussprechen, der trotz eines Mitarbeitendenwechsels und manch anderer Unbillen in diesem Jahr die Datenflut der Finanzvorgänge souverän meisterte.

Betriebskostenrechnung 2020

Das Protokoll der Generalversammlung 2020 und der ausführliche Finanzbericht sind abrufbar unter dem Goetheanum Login.