«Übe Geist-Erschauen» (Teil 1)
In der 2016 begonnenen Arbeit an der Grundsteinmeditation ging es in den letzten Jahren vor allem um die beiden ersten Übungen «Übe Geist-Erinnern» und «Übe Geist-Besinnen»; sie wird 2020/2021 mit einer Vertiefung der dritten Strophe «Übe Geist-Erschauen» weitergeführt.
Ob Klimakrise, Flüchtlingsströme, die wachsende Schere zwischen Arm und Reich, Sinndefizit und Epidemien – überall stellt sich die Frage nach einer Erkenntnis, die nicht nur auf Symptome gerichtet ist, sondern einen grundlegenden Wandel der Verhältnisse ermöglicht. Dieser wird nur vollzogen werden können, wenn wir die Natur des Denkens erfassen. Wer hier vermeintlich theoretische Diskussionen fürchtet, unterschätzt, dass das Denken der Ursprung und die Brücke unseres Verhältnisses zur Welt ist.
Das Sich-seiner-selbst-bewusst-Werden im Zeitalter der Bewusstseinsseele setzt voraus, dass der Mensch das Wesen des Denkens erkennt. Liegt dieses doch, wie Rudolf Steiner in seiner ‹Philosophie der Freiheit› (GA 4) darlegt, nicht offen zutage: «Das ist die eigentümliche Natur des Denkens, dass der Denkende das Denken vergisst, während er es ausübt. Nicht das Denken beschäftigt ihn, sondern der Gegenstand des Denkens, den er beobachtet.» (Kapitel ‹Das Denken im Dienste der Weltauffassung›) Das ist die Natur des Denkens, so Rudolf Steiner. Vergessen wir aber, was wir tun, können wir auch nicht die Folgen ins Auge fassen, die durch die Formen unseres gegenwärtigen Denkens zustande kommen. Aus der Selbstvergessenheit des Denkens entstehen viele der gegenwärtigen Probleme unserer Zeit.
Freiraum in der eigenen Seele
Das Denken jedoch ist es, durch das wir unser Verhältnis zur Welt gestalten und mit dem wir uns in der Welt der Wahrnehmungen – mit Hilfe der Begriffe, die wir der geistigen Sphäre entnehmen – orientieren. Rudolf Steiners philosophisches Hauptwerk ‹Die Philosophie der Freiheit› bildet eine zentrale Grundlage zum Verständnis des Erkenntnisvorgangs und seines Zusammenhangs mit dem ideellen Urgrund der Welt.
Im ersten Aufsatz ‹Von dem Vertrauen das man zu dem Denken haben kann – vom Meditieren› aus ‹Die Schwelle zur geistigen Welt› (GA 17) schildert er, wie das Denken einer Insel gleicht, die für uns im wogenden Meer des Seelenlebens einen Halt bildet. Selbst der Zweifel am Denken beruht ja auf einem Vertrauen zum Denken, denn ohne das Denken könnten wir nicht zweifeln.
Die dritte Strophe der Grundsteinmeditation ruft die Seele dazu auf, «Geist-Erschauen in Gedanken-Ruhe» zu üben, mit dem Ziel «wahrhaft [zu] denken in Menschen-Geistes-Gründen». «Geist-Erschauen» fordert uns dazu auf, mit dem Denken das bisher unbeobachtete Element unseres Seelenlebens in den Blick zu nehmen. Wo wir gewöhnlich ganz an die Gegenstände unseres Denkens hingegeben waren, wenden wir uns nun beobachtend an ein gleichsam geistiges Zwischenreich und schauen, was wir gedacht haben, an. Das ist der erste Schritt, der uns unsere Gedankentätigkeit bewusst macht. Eine weitere Stufe können wir im Üben erreichen, wenn wir die von uns selbst ausgehenden Gedanken zum Stillstand bringen und «Gedankenruhe» üben. So entsteht im Innern der Seele ein Freiraum, sodass uns aus der geistigen Welt etwas entgegenkommen kann.
Sich in den Weltzusammenhang einfügen
Im weiteren Üben des «Geist-Erschauens» lernen wir darüber hinaus, die Gedankenwelt als eine lebendige Welt des Geistes wahrzunehmen, in der sich die Gedanken selbst aussprechen. Der Aufruf «Übe Geist-Erschauen» eröffnet den Freiheitsraum des Menschen. Es ist eine Freiheit, die uns die Wahrnehmung der ewigen Götterziele ermöglicht. So entsteht ein Wollen, das unser Ich fähig macht, sich in den größeren Weltzusammenhang einzufügen. Und dieser Schritt ist die große Aufgabe heute.
Bemerken wir, wem wir gegenüberstehen? Nehmen wir die Natur, den Kosmos und den anderen Menschen in seinem ureigenen Wesen wahr? Sind wir dafür offen, die Bedürfnisse, die diese Wesen im Verhältnis zu uns haben, anzuerkennen und auf sie einzugehen? Oder leben wir noch im Modus der Verstandes- und der Gemütsseele und begegnen der Welt als Objekt, das allein unserem Wohlgefallen und Nutzen dient? Die heutigen Krisen zeigen, wie dieses vormalige Weltverhältnis nicht mehr tragfähig ist. Und so erleben wir das Wegbrechen der alten Ordnungen und Gewohnheiten, die bisher Halt gaben.
Die Grundsteinmeditation eröffnet uns einen neuen Daseinshorizont: «In des Geistes Weltgedanken» kann die Seele erwachen. Es ist dies der Raum des Geistes, in dem die Seele durch das Denken ihrer Wesensbezogenheit zu dem für alle Menschen erreichbaren ideellen Weltengrund gewahr wird, in dem die Weltgedanken beheimatet sind. Dieser ist ihm mit allen Menschen gemeinsam, auch wenn die Intuitionen jedes Menschen ihre je individuelle Färbung haben. Gemeinsame Quelle ist dennoch der alle Menschen verbindende ideelle Urgrund.
Dieses zentrale Fundament der Geisteswissenschaft ist in seiner Tragweite und Besonderheit wohl kaum zu überschätzen. Doch kann man hier nicht von einer allgemeinen Verfügbarkeit sprechen, denn der Zugang zu diesem ideellen Weltengrund ist an das Erwachen der Seele gebunden. Er wird durch das Üben des Geist-Erschauens dem Menschen zunehmend ansichtig. Es ist ein Weltengrund, der errungen werden muss, dessen Existenz mit den wachsenden geistigen Fähigkeiten des übenden Menschen sich realisiert. Im Selbstverständnis des gegenwärtigen Lebens und der modernen Wissenschaft, das unsere heutige Kultur so nachhaltig prägt, ist diese Grundlage – oder man könnte auch sagen: ist dieses Entwicklungsziel – nicht vorhanden. Stattdessen werden Erkenntnisgrenzen formuliert oder es wird auf der Ebene der Verständigung ein gemeinsamer Konsens unterschiedlicher Ansätze gesucht.
Vereint mit hierarchischen Wesen
Im Denken haben wir durch die Entwicklungsperspektiven der Anthroposophie, die die Grundsteinmeditation als Übungsweg formuliert, einen Zugang zu einem Bereich, in dem uns das Welten-Wesens-Licht erscheint. Das Wirken der dritten Hierarchie wird erlebbar, und es kommt uns mit dieser das Christus-Wesen entgegen. Der Mensch erkennt und erlebt sich so vereint mit hierarchischen Wesen in einem kosmischen Zusammenhang.
In ‹Anthroposophie weltweit› Nr. 5/2020 soll dieser mehr makrokosmische Aspekt weitergeführt, auf die Zeitereignisse bezogen werden und die entsprechende Studienliteratur dazu angegeben werden.