«Übe Geist-Erschauen» (Teil 2)
Denken im Sinne der Grundstein-Meditation tun wir nicht unbewusst. Vielmehr werden wir aufgefordert, übend «wahrhaft» denken zu lernen, wie in der dritten Strophe als Entwicklungsziel formuliert. Wahrhaft denken – «Geist-Erschauen» – bedeutet, dem Göttlich-Geistigen im Durchgang durch den Menschen Entwicklung zu ermöglichen.
Im ruhenden Haupt findet die Seele einen Ort, von dem aus die Welt betrachtet und durchdrungen werden kann. Das Haupt ist es, das uns aus «Ewigkeitsgründen» die «Weltgedanken» erschließt. In der ‹Philosophie der Freiheit› heißt es: «In dem Denken haben wir das Element gegeben, das unsere besondere Individualität mit dem Kosmos zu einem Ganzen zusammenschließt. Indem wir empfinden und fühlen (auch wahrnehmen), sind wir Einzelne, indem wir denken, sind wir das all-eine Wesen, das alles durchdringt. Dies ist der tiefere Grund für unsere Doppelnatur: Wir sehen in uns eine schlechthin absolute Kraft zum Dasein kommen, eine Kraft, die universell ist, aber wir lernen sie nicht bei ihrem Ausströmen aus dem Zentrum der Welt kennen, sondern in einem Punkte der Peripherie.» (GA 4, Kapitel ‹Das Erkennen der Welt›, 1995, S. 91) Unsere Seele hat im Haupte gleichsam einen Tempelinnenraum, in dem sich aus dem Ewigen beziehungsweise den Ewigkeitsgründen die Weltgedanken aussprechen können, wenn wir uns für sie öffnen.
Frei gewordenes Wollen
Um der Aufforderung «Übe Geist-Erschauen» nachzukommen, ist Gedanken-Ruhe die innere Voraussetzung. In ihr wird uns etwas zuteil, was in den beiden ersten Strophen der Grundstein-Meditation bereits angelegt wurde. Im Erfahren des Vatergrundes der Welt, der in der ersten Strophe im «Geist-Erinnern» aufleuchtet und in der dritten Strophe in den «ew’gen Götterzielen» wieder erscheint, kommt uns durch die zweite Strophe aus dem Chor der «Lichtesgeister» nun das Welten-Wesens-Licht, Christus, entgegen – sodass beide vereint ermöglichen, dass wir unser «eignes Ich» erleben können. Christus verdanken wir unsere Ich-Wesenheit, die im schauenden Erleben der Weltgedanken ihr frei gewordenes Wollen der Schöpfung zur Verfügung stellen kann.
Mit den Worten «Denn es walten des Geistes-Weltgedanken / Im Weltenwesen Licht-erflehend» beginnt der zweite, makrokosmische Teil der dritten Strophe. Hier wird aus der Perspektive des Kosmos auf das Werden der Menschenseele geblickt. Das Entwickeln eines «wahrhaften Denkens» ist die Antwort des Menschen, mit der er das «Denn», die Erwartung des Makrokosmos wie auch seine Voraussetzung, verstehen und würdigen lernen kann. Dies mag eine ganz neue, erschütternde Perspektive sein.
Können wir uns in die Perspektive einleben, dass es hierarchische Wesen gibt, die uns geschaffen haben und die nun erwartungsvoll auf ihre Schöpfung blicken? Als Geschöpf wurden wir in die Freiheit entlassen, denn unser Wollen ist frei. Keine göttlich-geistige Instanz leitet oder weist mehr die Richtung. Es steht dem Menschen offen, sein Denken allein für die Förderung eigener Bedürfnisse anzuwenden und sich immer egoistischer in sich selbst zu verstricken oder für den Zusammenhang der Welt zu erwachen, in dem er tatsächlich steht.
Durch den Menschen
Die «Welt-Gedanken», die in der Geistsphäre beheimatet sind, sind nicht nur für sich da, sie erfahren erst ihre Lichtwirkung, wenn sich der Mensch denkend in die Sphäre der Weltgedanken erhebt. »Welten-Wesens-Licht« wird im »Geist-Erschauen«, dem wahrhaften Denken des Menschen, zu freiem Wollen geschenkt, wie es im ersten Teil der Strophe heißt. Dieses Licht erflehen die Weltgedanken. Das Wesen des Lichts offenbart sich, indem es auf etwas auftrifft – den Weltgedanken im Menschengedanken. Das göttliche Licht muss also durch den Menschen hindurchgehen, wenn es wirksam werden soll: «Das Göttlich-Geistige wird im Durchgang durch das Menschentum ein Wesen erleben, das es vorher noch nicht offenbarte.» (GA 26, 2013, S. 96)
So wird in der dritten Strophe des Grundsteins, in der der Mensch erstmalig sein «eigenes Ich» empfinden lernt, zugleich die Bezogenheit und Abhängigkeit der höheren Hierarchien vom Menschen ausgesprochen.
Anteil des Kosmos
Eindrücklich, dass die Menschenseele, die sich selbst anruft (GA 260, 1994, S. 94f.), nun die Seelen-Geister, die Geister der dritten Hierarchie, Angeloi, Archangeloi und Archai, aufruft, dass sie aus den «Tiefen erbitten [sollen], was in den Höhen erhöret wird»! Denn der Mensch lebt nicht nur für sich, sondern ist für die Entwicklung der Welt und die Hierarchien von zentraler Bedeutung: «[…] der Mensch ist auf der Erde, weil die Götter den Menschen brauchen, dass in ihm gedacht, gefühlt, gewollt werde, was im Kosmos lebt. Dann, wenn der Mensch in der richtigen Weise denkt, fühlt und will dasjenige, was im Kosmos lebt, nehmen das die Götter wiederum hinauf und pflanzen es weiter der Weltgestaltung ein, sodass der Mensch an dem ganzen Kosmos mitbaut […]» (GA 276, Vortrag vom 8. Juni 1923, 2002, S. 88)
Erwachen wir in «des Geistes Weltgedanken», so leisten wir nicht nur etwas für uns selbst, sondern der ganze Kosmos mit den Elementargeistern nimmt Anteil an diesem Prozess und hört den Ruf der dritten Hierarchie. Die Entwicklung der Welt hängt von diesem Erwachen existenziell ab.
Empfohlene Literatur
Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit (GA 4)
Rudolf Steiner: Die Schwelle der geistigen Welt (GA 17), 1. Aufsatz
Rudolf Steiner: Anthroposophische Leitsätze (GA 26)
Rudolf Steiner: Das Künstlerische in seiner Weltmission (GA 276)
Rudolf Steiner: Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/24 (GA 260)
Hinweis In ‹Anthroposophie weltweit› Nr. 4/2020 erschien der erste Teil der Anregungen zum Jahresmotiv 2020/21.