Urbild der Gefühle
Zum Schulungsweg gehört die Pflege der Gefühle. Das führt zu Klarheit, Ordnung und Bildung von Hellseherorganen. Die Verbindung von Sprüchen aus dem ‹Anthroposophischen Seelenkalender› und der Rosenkreuzmeditation von Rudolf Steiner beleuchtet die Qualitäten ‹beseligender› und ‹ernster› Gefühle.
Im Vorwort zum ‹Anthroposophischen Seelenkalender› (in GA 40) schreibt Rudolf Steiner, dass es sich bei den Wochensprüchen um ein fühlendes Selbsterkennen handelt. Gefühle sind das Zentrum der Seele, aus ihnen bilden sich die Hellseherorgane. Zur Selbsterziehung sollen wir unsere negativen Gefühle wie Zorn und Ärger ersparen und unsere edlen Gefühle wie Ehrfurcht und Dankbarkeit bewusst erzeugen.
Nehmen wir ein Beispiel: «Der Winter wird in mir den Seelensommer wecken» (30. Spruch). Der Sommer ist hier seelisch-innerlich gemeint, der Winter äußerlich und natürlich. Als Gefühle entsprechen dem Sommer in der Natur Freude, Hingabe an die Naturschönheit, Heiterkeit und Glück, also beseligende Gefühle. Wenn es draußen Winter ist, überwiegen andere Gefühle: ein Nachdenken darüber, ob wir für den Winter gerüstet sind, eine Besinnung auf das Wesentliche, ein Verantwortungsgefühl und andere ernste Gefühle. Gibt es ein Urbild unserer Gefühle?
Wenden wir uns zur Klärung dieser Frage dem Kapitel über den Schulungsweg und der Meditation in der ‹Geheimwissenschaft im Umriss› (GA 13) zu. Erst kommt die Vorbereitung, die über die Pflanze mit ihrem grünen Saft bis zum Menschen und seinem roten Blut führt. Ich kann ein ‹beseligendes› Gefühl empfinden, wenn ich mir eine Pflanze vorstelle, wie sie Blatt nach Blatt hervortreibt und sich dann leidenschaftslos dem keuschen Sonnenstrahl öffnet. Der Mensch ist zwar vollkommener als die Pflanze, aber er musste seine Höherentwicklung dadurch erkaufen, dass er Triebe, Begierden und Leidenschaften in sich aufnehmen musste. Das kann meine Empfindung in ein ‹ernstes› Gefühl verwandeln.
Bild geläuterter Triebe
Dann geht es aber noch einen Schritt weiter: Der Mensch kann sich entwickeln. Er kann das Niedere in seinen Leidenschaften verwandeln und es auf einer höheren Stufe wiedergebären. Solche gereinigten Triebe entsprechen in ihrer bewusst errungenen Reinheit der unbewussten Reinheit einer Pflanze. Das Rot des Blutes gleicht dann dem Rot einer Rosenblüte, die von den reinen Wachstumsgesetzen durchzogen ist. Dies kann meine Seele in das Gefühl eines ‹befreienden› Glückes verwandeln. Ich stelle mir nun ein schwarzes Kreuz vor: Es sei mir der Ausdruck der vernichteten niederen Triebe und Leidenschaften. An der Stelle, wo die Balken sich schneiden, stelle ich mir sieben rote strahlende Rosenblüten im Kreis angeordnet vor, die mir Ausdruck sind für die gereinigten und geläuterten Triebe und Leidenschaften.
Auf diesem Bild verweile ich möglichst lang, ohne von einer anderen Vorstellung gestört zu werden. Dabei soll ich die Empfindung, die ich mir durch die Vorbereitung erarbeitet habe, «mitschwingen lassen». Was da beim Meditieren mitschwingt, ist also jenes Gefühl eines ‹befreienden Glückes›, das durch den Ernst hindurchgegangen und aus der Beseligung geboren worden ist.
So wird das Sinnbild des Rosenkreuzes zum Zeichen neben dem Empfindungserlebnis, und in dem Verweilen der Seele in diesem Erlebnis liegt das Wirksame der Meditation. Es scheint mir überhaupt so zu sein, dass das Gefühl eines befreienden Glückes das Grundgefühl für jede Meditation darstellt, alle anderen Gefühle können sich daraus ergeben.
Kunst, die Mitte zu halten
Diese drei urbildlichen Gefühle der Rosenkreuzmeditation können wir auf den Seelenkalender übertragen. Der Weg durch den Sommer wird uns zu einem Pfad in die Höhen des Kosmos und erzeugt beseligende Gefühle. Der Weg durch den Winter wird uns zu einem Pfad in das eigene Innere und zu den Tiefen der Erde, er wandelt unser Empfinden in ernste Gefühle. Der Gang durch das ganze Jahr, also die Kunst, die Mitte zu halten zwischen oben und unten, zwischen Seligkeit und Ernst, wird uns zu einem Wandeln mit Christus, der uns das ganze Jahr hindurch das Gefühl eines befreienden Glückes vermitteln kann. Ganz in dem Sinne, wie er selbst sagte: «Mein Joch ist sanft, meine Last ist leicht.» (Matthäus 11,30).