Urbild, Mensch zu werden

Urbild, Mensch zu werden

18 Februar 2020 Joan Sleigh 26 mal gesehen

Maria, die Mutter von Jesus, begegnet uns in verschiedenen Qualitäten. Sie stehen für Momente der Menschwerdung: von der Möglichkeit, das Gefäß für eine Gottheit zu werden, bis zur Keimbildung einer künftigen Geistwirklichkeit und -wirksamkeit, wozu der bewusste Umgang mit den Todeskräften gehört.


Im Matthäus-Evangelium wird Maria geleitet vom großen Ja zum Leben. Sie bildet den von Wärme durchdrungenen Empfängnisraum, in dem sich das Menschsein finden und steigern kann. Sie ermöglicht die Verwandlung und Verwirklichung der Aufgaben der Männer, ob bei Joseph, den Königen oder den Jüngern.

Bei Lukas begegnen wir Maria als Menschenseele, die sich als Bewahrerin und Bewegende des Wortes darstellt. Eine besondere Fähigkeit des wortbegabten Menschen ist das Schweigen, das Innehalten, wobei Stille als Resonanzraum eine schöpferische Kraft des Verwandelns sein kann.

Das Johannes-Evangelium zeigt die Mutter Maria in ihrer Beziehungsfähigkeit. Sie ermöglicht Jesus, seine ersten Zeichen bei der Hochzeit zu Kana zu verwirklichen, und unterstützt den Einzug seines Ichwesens in die irdisch-leibliche Wirksamkeit. Am Ende seines Erdenlebens steht Maria unterm Kreuz und nimmt eine neue Beziehung zu Johannes, dem «Jünger, den der Herr lieb hatte», auf.

Im ‹Fünften Evangelium› beschreibt Rudolf Steiner, wie Jesus von seinen Wanderungen zurückkommt und an der verlorenen Geistverbundenheit der Menschheit verzweifelt. Maria hört ihm stillschweigend und geistanwesend zu und bereitet so den Raum für seine zukünftige Aufgabe mit vor, sodass er in Freiheit den Weg zur Taufe im Jordan antreten kann.

Trägerin eines Werdewesens

Das vielleicht erhabenste Bild der Maria wird in der Apokalypse des Johannes geschildert: Ein Weib, mit der Sonne bekleidet, den Mond unter den Füßen, das Haupt mit der Krone der zwölf Sterne gekrönt, wird vom Drachen bedroht. Der Mond gibt ihr die Fortpflanzungskräfte, die Fähigkeit des Empfangens sowie das Gewordene als Boden ihrer Wirksamkeit. Die Krone steht für das Verbundensein der Menschenseele mit dem geistigen Werden – die Seele ist Trägerin eines Werdewesens.

Die kirchlichen Dogmen haben Maria vier Titel gegeben, die helfen, zu verstehen, wofür Maria steht: Gottesgebärerin (jedem Menschen wohnt eine Gottheit inne, wodurch das negative Selbstbild und Vorurteile gegenüber anderen überwunden werden können, was Mut und Überwindung braucht), Jungfrau (die vollständige Hingabe zum eigenen Lebensentwurf und zu geistdurchdrungenen Aufgaben), unbefleckte Empfängnis (Risikobereitschaft gegenüber Neuem im Denken und Handeln, vertrauend auf die Entfaltung des eigenen Potenzials) und Mariä Himmelfahrt (für einen bewussteren Umgang mit der Leiblichkeit als Grundlage der Spiritualität).

Schöpferin einer neuen Geistgeburt

Die Mutter Maria bildet in ihrer leiblichen Aufgabe den Erlebnisraum der Geburt: Sie umhüllt, erleidet, bangt und begleitet das in der Welt Ankommende. Die gebärende, umhüllende und ernährende Mutter kann auch als Abbild der Mutter Erde gesehen werden, indem sie sich den Bedürfnissen der Menschheit hingibt.

Die Seelenkräfte der Maria sind die Fähigkeiten des Zuhörens und Innehaltens, des Mitleidens und Aufnehmens, des Raumlassens und Begleitens. Durch ihre Fähigkeit, alles bejahen zu können, wird Maria zur neuen Eva, zur Mutter der Menschheit.

Geistig gesehen, besonders im Bild der Kreuzigung, begleitet und erleidet Maria als Pietà die Geistgeburt durch den Todesprozess. Als Pistis-Sophia, auch Heiliger Geist genannt, ist sie Schöpferin einer neuen Geistgeburt der Zukunft.