Von äußerst schrill bis tief beeindruckend
Es war ein beinahe ‹faustisch› buntes Völkchen, das sich da zum Beginn der Karwoche hin versammelt hatte. Und in der Tat offenbarten die vier Tage, in denen sich die knapp 500 Menschen bemühten, ‹die Gesellschaft› zu repräsentieren, viel Streben – individuell und gemeinschaftlich.
Mein persönliches Fazit: Man ahnt zunehmend, warum diese Vereinigung von Menschen bewusst ‹Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft› heißen sollte – und nicht etwa ‹Rudolf-Steiner-Gesellschaft›.
Mag sein, dass besagtes Völkchen tatsächlich von Zeit zu Zeit die Züge eines ‹gestandenen› Volkes tragen konnte und kann, aber die Selbstbestimmungsforderung dieser Menschen liegt doch ganz offenbar und zu Recht im Individuellen.
Von äußerst schrill bis tief beeindruckend
Davon gab es, wie gesagt, Einiges zu sehen und zu erleben; von äußerst schrill bis tief beeindruckend. Insbesondere die aktiv gestaltende Beteiligung der jungen Leute aus dem Umfeld der Jugendsektion brachte ein respekteinflößendes Beispiel von Authentizität und nachhaltigem Engagement in die Versammlung ein.
Der vielzitierte «einheitliche Zug» blieb zwar noch verborgen, war aber sozusagen ‹unterschwellig› spürbar als die unausgesprochene, dennoch in aller Stille beachtlich wirksame Kontinuität eines Rehabilitationsprozesses, der schlussendlich seinen Kern gefunden zu haben scheint: die Wiedergeburt der Weihnachtstagung 1923/24 aus dem Geist gelebter Anthroposophie.
Die Jahrestagung 2019 begann genau eine Woche vor dem ‹paradoxen› Gründonnerstag und endete offiziell am Palmsonntag. Ihr zeitlicher Rahmen konnte fast passgenau auch für das eingebettete Vereinsmäßige der Generalversammlung eingehalten werden. Beide ließen kaum etwas zu wünschen (subjektiv), aber viel zu tun (objektiv) übrig.
Praktisches Handeln
Die eigentlichen Beschlussfassungen innerhalb der Rechtssphäre konnten verabredungsgemäß in diesem Jahr deutlich zurücktreten, abgesehen von der mit überwältigender Mehrheit erfolgten Bestätigung von Justus Wittich als altem und neuem Schatzmeister. Wirklich herausragend hingegen waren die Erfahrungsberichte aus den weltweiten Initiativen in Verbindung mit den Fachsektionen der Hochschule. Der Eindruck war so klar wie berührend: Im praktischen Handeln aus Anthroposophie entscheidet sich die Zukunft unseres Menschentums!
Dank und Bewunderung galt und gilt ausdrücklich auch der unglaublichen Arbeitsleistung des äußerlich so stark reduzierten Vorstands und seiner noch einmal verstärkten Kooperation mit der Goetheanum-Leitung und den Ländervertretungen. Und – last, but not least – dem neuaufgestellten Goetheanum-Eurythmie-Ensemble, dessen erste Früchte diesem Jahrestreffen von Seiten der Kunst substanziellen Glanz und spirituelle Nahrung gaben.
So fand denn auch die Gesamtveranstaltung ihren geistgemäßen Beschluss eben am Palmsonntag mit dem eurythmisch tiefbewegt und bewegend dargebotenen Grundsteinspruch der Weihnachtstagungsgesellschaft. Hier nun gab und gibt es nichts mehr hinzuzufügen …
Vom Nacht- zum Tagvolk
Mir persönlich blieb für diesen so besonderen Palmsonntag die Imagination des ‹Volkes› und seiner Bedeutung für die (nun Michaelische) Zeitenwende – ‹Sinneswandel› vom Nachtvolk zum Tagvolk (vgl. GA 186, Vortrag vom 7. Dezember 1918) – und allgemein von der Versammlung der Eindruck: Mit dieser Anthroposophischen Gesellschaft kann man leben!