Warum Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft?
Uwe Werner ist es ein Anliegen, zu erläutern, dass der Zusatz ‹Allgemeine› im Namen der Gesellschaft der Weihnachtstagung 1923/24 enthalten ist. Er bezieht sich dabei auch auf den Antrag 7 von Eva Lohmann-Heck und Thomas Heck vom 15. Februar 2019 (‹Anthroposophie weltweit› Nr. 3/2019 und hier).
Aus dem genauen Hinschauen auf die Entstehung der Gesellschaft ist die Bedeutung des Namens ‹Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft› ablesbar. Allerdings scheinen Rudolfs Steiners Äußerungen in diesem Punkt zunächst widersprüchlich. Das zeigt sich in seinem Bericht über die Weihnachtstagung 1923/24 im Titel des an der Tagung beschlossenen Nachrichtenblatts ‹Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht›. Titel seines Berichts vom 13. Januar 1924: ‹Die Bildung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft durch die Weihnachts-Tagung 1923›, der erste Satz: «Der anthroposophischen Gesellschaft eine Form zu geben, wie sie die anthroposophische Bewegung zu ihrer Pflege braucht, das war mit der eben beendeten Weihnachtstagung am Goetheanum beabsichtigt.»
Bezeichnung des Innenraums und der Form
Hier ist eindeutig, dass Rudolf Steiner die Gesellschaft ‹Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft› nannte. Warum spricht er gleich darauf nur von der «anthroposophischen Gesellschaft» – wie auch im Titel des Nachrichtenblatts, durchwegs im Text der Statuten selbst und auch auf den Mitgliedskarten? Selbstverständlich gehört auch der Name zur Form der Gesellschaft; aber wenn es um das ‹Anthroposophische› der Gesellschaft geht – um ihren Innenraum –, sind die Statuten das Formentscheidende; dass sie eine ‹Allgemeine› ist, tritt in den Hintergrund. Rudolf Steiner charakterisierte einen solchen Innenraum während der Gründungsversammlung der englischen Landesgesellschaft am 2. September 1923, als er sagte, es müsse eben die Konstitution der Gesellschaft so sein, «dass gewissermaßen […] auch eine Art Vakuum geschaffen wird, ein leerer freier Raum, in dem sie sich wirklich entfaltet» (GA 259, S. 604).
Es ist ja leicht zu erkennen und für jeden einsehbar, dass Rudolf Steiner bei jeder Gründung einer Landesgesellschaft, an der er im Laufe des Jahres 1923 teilnahm, betonte, dass aus den nationalen Gesellschaften zu Weihnachten 1923 in Dornach der Zusammenschluss zur Internationalen Anthroposophischen Gesellschaft hervorgehen solle (GA 259). So sah es noch das Programm der Einladung zur Weihnachtstagung vor (GA 260, S. 28f.). Schon in seinem Eröffnungsvortrag am 24. Dezember 1923 unterstrich Rudolf Steiner dezidiert, dass die Bezeichnung ‹Internationale› durch ‹Allgemeine› ersetzt werden müsse (GA 260, S. 41). Dieser Übergang ist schon in Rudolf Steiners Ausführungen am genannten 2. September 1923 während der Gründung der englischen Landesgesellschaft spürbar: «Es ist das einfach ein okkultes, sagen wir, Gesetz, dass jede wirklich tragfähige und fruchtbare spirituelle Bewegung allgemein menschlich ist, dasjenige ist, was man im trivialen Leben international nennt […]» Und weiter: «Das hindert natürlich nicht, dass sie gerecht wird allen menschlichen Gruppenzusammenhängen. Man kann ebenso gerecht sein gegen seine eigene Nation wie gegen die anderen. Jede Nation hat selbstverständlich mehr oder weniger ihre großen Impulse in die Gesamtmenschheit zu tragen. Und zu glauben, dass das Internationale verknüpft ist mit einer Missachtung etwa des eigenen Nationalen, das ist gar nicht berechtigt. Gerade innerhalb des Internationalen werden die Gesichtspunkte gegeben, um das eigene Nationale in der richtigen Weise zu taxieren und in das richtige Licht zu stellen.» (GA 259, S. 604f.)
Föderativer Gestus
Aus seiner Sicht soll demnach das ‹Internationale›, das das ‹Allgemeine› ist, nicht das ‹Nationale›, das ‹Spezifische›, auslöschen, wenn es um das ‹Allgemein-Menschliche› geht, sondern ihm in der gemeinsamen Gesellschaft Rechnung tragen. Der Duktus der Bildung der Gesellschaft war, wie gesagt, zunächst die Landesgesellschaften – also das Spezifische – am Ort zu gründen und zusammen – aus der Peripherie – die gemeinsame ‹allgemeine› Gesellschaft zu bilden – und nicht das Gegenteil. Das war ein föderativer Gestus. Wenn heute seitens der Goetheanum-Leitung vorgeschlagen wird, in der Gesellschaft ein konsultatives Organ der Länderrepräsentant/inn/en zu bilden, erscheint mir das als eine sinnvolle Weiterentwicklung des Statuts der Weihnachtstagung.
In diesem Sinne meine ich, dass die Bedeutung des Zusatzes ‹Allgemeine› im Namen der Gesellschaft an der Weihnachtstagung nicht unterschätzt werden sollte.