Wirken aus individuell errungener Erkenntnis
Liebe MitgliederSeit nun einem Jahr leben wir mit dem Corona-Virus in einer neuen Art von Weltkrise – menschheitlich und mit Durchgriff auf jeden Einzelnen. Alles Gewohnte wird infrage gestellt. Hält in einer solchen Prüfungszeit der eigene ‹innere Kompass› der Orientierung?
Viele Menschen sind aus einem anthroposophischen Impuls in der Welt tätig: an der Front der Covid-19-Behandlung, in der Betreuung von Kindern und im Bildungswesen, im Erzeugen einer gesunden Nahrungsgrundlage und in anderen Gebieten mehr – und natürlich auch in Fragen der aktuellen Erkenntnisbildung zur gegenwärtigen Entwicklung sowie, darauf beruhend, in der einen oder anderen Protestbewegung. Initiative und Engagement aufgrund von Erkenntnis ist ja eine höchst erstrebenswerte Eigenschaft des Menschen.
Kritisches öffentliches Medienecho
Interessant ist, dass meiner Beobachtung nach eine solche verstärkte und jeweils ganz individuelle gesellschaftliche Tätigkeit sehr bald zu einem kritisch-öffentlichen Medienecho führt, zurzeit jedenfalls in mehreren Ländern: Da macht der britische ‹The Guardian› den vorbildlichen Covid-19-Einsatz der Klinik Havelhöhe (DE) lächerlich oder erregen drei Fragen in einer soziologischen Studie der Uni Basel (CH) zum «anthroposophisch/esoterischen Denken» in der Corona-Protestbewegung Aufsehen. Die Zeitschrift ‹Die Drei› wird in der Wochenzeitung ‹Die Zeit› vom 4. Februar 2021 zitiert, um vermeintliches «Querdenken mit Rudolf Steiner» zu kritisieren – oder gar um mit Anthroposophie «entspannt in die Barbarei» zu segeln, so die Schweizer Online-Plattform ‹Republik›. Ganz zu schweigen von der insinuierenden historischen Gleichsetzung von Antisemiten und Impfgegnern (inklusive Anthroposophen) in der ‹Zeit› (auch hier in der Ausgabe vom 4. Februar 2021), allerdings folgt eine Woche später dann ein Blick auf den ‹Menschenfreund Rudolf Steiner›.
Das derart vermittelte Fremdbild zu unserem oft doch hehren Eigenbild können wir durchaus nutzen: Wo wirken wir nicht aus individuell errungener Erkenntnis? Wo fehlt uns der interne Erkenntnisaustausch und wo scheinen wir überheblich? Sind unsere Motive transparent und zeigen wir uns dialogfähig? Wir innerhalb des Vorstands am Goetheanum beschäftigen uns in diesem Jahr und in diesem Zusammenhang mit den drei Motiven: Erkenntnismut, Eigenverantwortung und Weltbejahung.