Zwischen Polen pulsierendes Leben

Zwischen Polen pulsierendes Leben

23 März 2021 Sebastian Jüngel 14 mal gesehen

In einer Erörterung wird ein Sachverhalt aus gegensätzlichen Perspektiven untersucht, um zu einem Urteil zu kommen. Diese Kunstform zeigt: Eine Urteilsbildung findet zwischen den Grenzpfosten eines Felds an Gesichtspunkten statt. Verharrt sie an einem der Pole, wird es in der Regel sozial schwierig – das Urteil droht, extremistisch zu werden.


Wie stellt sich die Welt für einen Punkt dar? Wie für eine Strecke? Und wie für eine Flächenform wie ein Dreieck? Unterscheidet sich die Wahrnehmung der Welt bei einem Dreieck von der eines Quadrates oder eines Kreises? Diese Fragen aus dem Mathematikunterricht faszinierten mich als Schüler. Sie machten mich darauf aufmerksam, wie verschieden sich die eine sich uns allen zeigende Welt wahrgenommen werden kann.

Später wurde die Frage komplizierter: Was ist Welt? Nach einer solipsistischen Sichtweise gibt es nur eine Instanz, die über das, was Welt ist, entscheidet: das eigene Ich; nach einem konstruktivistischen Ansatz wird ein Gegenstand erst durch eine Erkenntnisleistung konstruiert.

Das sich bildende Dritte

Leben, so ein in der Anthroposophie vielfach dargestellter Zugang zur Welt, spielt sich auf einem Feld von Polaritäten ab; es ist aber nicht einer der Pole. Wäre dies der Fall, würde man im Extrem des Pols wie das Insekt im Sturzflug auf die offene Flamme verbrennen. Leben spielt sich insofern zwischen Kraftfeldern ab, entwickelt sich.

In der Musik entsteht ein ‹dritter Ton›, wenn aus der Abfolge und womöglich dem Zusammenklang von Tönen mehrerer Instrumente ein nicht notierter, jedoch beispielsweise pulsierend-swingender Klang entsteht. Dieses ‹Dritte› ist nicht sicher gegeben, es ist auch abhängig von der Art des Spielens, es erhebt sich durch und in Praxis.

In aktuellen gesellschaftlichen Diskursen gibt es die Tendenz, in Polaritäten zu argumentieren, etwa in ‹like› oder ‹dislike› in sozialen Medien. Obwohl vielfach so dargestellt, gibt es das Phänomen des Entweder–Oder nicht erst mit den sozialen Medien. So gab und gibt es wieder im politischen Feld verstärkt ‹Ost› und ‹West› oder früher ‹Monarchisten› und ‹Anti-Monarchisten›. Gerade Parteien tendieren selbst in einer multipolaren Konstellation zu einer schwer untereinander vermittelbaren Einseitigkeit.

Das Einnehmen von Polpositionen führt mich zurück in die digitale Welt. Angelegt in der polaren Logik von entweder ‹wahr› oder ‹falsch›, lebt in digitalen Systemen das eindeutige Zuordnen von Spannungsmomenten zu einem Zustand, ‹an› (Eins) oder ‹aus› (Null). Auch wenn heute technische Umsetzungen mehr als nur polare Zustände abbilden können, findet letztlich diese Zuweisung statt.

Übersprung von Technik ins Leben

Ich frage mich, ob dieses eindeutige Zuteilen zu einem eindeutigen Entweder–Oder das unbewusst oder mehr oder weniger bewusst eingeübte Muster im gesellschaftlichen Diskurs ist, der nicht aus Freude am Ringen und Finden eines Zusammenhangs stattfindet, sondern von einem bereits vor dem Diskurs eingenommenen Standpunkt, der Polqualität hat, ausgeht. Dieses Prinzip beansprucht im Sozialen – in einer ebenfalls dipolar gehandhabten Moralität –, dass es nur entweder ‹wahr› oder ‹falsch›, ‹richtig› oder ‹falsch› gibt.

Das Befragen politischer Entwicklungen ist dann abschätzend entweder verschwörungstheoretisch oder naiv gegenüber den ‹tatsächlichen› Machtspielen, das Benennen geschlechtlicher oder anderer Identitäten ist entweder alternativlos oder Ausdruck einer Sprach- und Denkdiktatur. Die dahinterliegenden Beweggründe, Bedürfnisse oder Missstände haben in diesem System des Zuschnappens in ein eindeutig und sogar moralisch Richtiges oder Falsches keinen Platz. Im Leben äußern sich, entstehen und vergehen jedoch Beweggründe und Bedürfnisse, je nach aktuellem Weltbezug.


Polarität

In den alten Mysterien baute man alles auf die Erkenntnis der Polarität in der Welt.

[…] die Leute sagen, es gibt Luzifer, und sein Gegner ist Christus […] der wahre Gegensatz ist der zwischen Ahriman und Luzifer, und der Christus-Impuls […] hat nichts zu tun mit der Polarität Ahriman–Luzifer, sondern er bewegt sich in der Gleichgewichtslinie.

So lebt sich die Seele, die sich vorbereiten will für die Erkenntnisse der geistigen Welten, allmählich in diese hinein, dass […] sie die polarischen Gegensätze sieht, durch die sich alles offenbaren muss, und die Notwendigkeit, dass die Gegensätze sich als Polaritäten das Gleichgewicht halten. […] überall erleben wir den Strom so, dass wir […] unser Schiff hindurchsteuern müssen als das Dritte zwischen dem linken und rechten polarischen Gegensatz.

Quellen
Rudolf Steiner, GA 184, 22. September 1918, 2017, Seite 182, 5. Oktober 1918, 2017, Seite 231; GA 147, 28. August 1913, 1997, Seiten 99f.