Alter ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

Alter ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe

14 Juni 2026 Sebastian Jüngel 35 mal gesehen

Aufgrund der erwartbaren Zunahme älterer Menschen in vielen Gesellschaften ist mit einem erheblich höheren Anteil von Hilfbedürftigen im Alter zu rechnen. Für Internist Christian Schikarski liegt die Verantwortung nicht nur bei Privatpersonen allein; vielmehr fordert er von der Politik Aufklärung sowie Ausbildungs- und Pflegeprogramme. Er leitet in der Medizinischen Sektion am Goetheanum die Care-Gruppe ‹Alterskultur und Altersmedizin›.


Durch die demografische Entwicklung in Ländern wie Deutschland werden in absehbarer Zeit «wenige junge Menschen» «einer Mehrheit von alten Menschen» gegenüberstehen. Das führe, so Christian Schikarski, erfahren in der Geriatrie, zu Konflikten Jüngerer, die «nicht nur ihre tägliche Arbeit und Familie bewältigen müssen, sondern auch die Pflege der Alten und Hilfsbedürftigen als Pflicht auferlegt bekommen werden». Beide Generationen müssen sich zudem finden und bringen dafür recht unterschiedliche Lebenserfahrungen mit: Kriegs- und Nachkriegszeit beziehungsweise Coronazeit.

Für Christian Schikarski ist daher eine Qualifizierung von Privatpersonen und professionell Pflegenden bei der Begleitung älterer Menschen unverzichtbar. Neben vermehrt auftretenden Gebrechlichkeiten des Körpers ändern sich auch mental-kognitive Prozesse. Manches lässt sich durch Kraft- und Koordinatioinstraining auffangen, Stürze und damit Knochenbrüche oder operative Eingriffe können reduziert werden. Eine geringere Stoffwechselintensität und Regenerationsfähigkeit sowie die veränderte Zusammensetzung des Körpers «mit abnehmendem Anteil der Muskelmasse, mit erhöhtem Anteil an Fettgewebe und reduziertem Flüssigkeitsanteil» bergen «die Gefahr für unerwünschte Arzneimittelnebenwirkungen». Daher ist dem Medikamentenplan und der Dosierung besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

Unabhängig davon können zuvor unterdrückte Erinnerungen auftauchen. Dazu genügen womöglich kleine Berührungen, ein zu kalter Waschlappen, ein Wort, eine Mahlzeit, ein Duft. «Wie gehen wir als Betreunde damit um?», fragt sich Christian Schikarski auch heute noch in der Begleitung alter Menschen. Er hat gute Erfahrungen mit Innehalten und Zuhören gemacht; gegebenenfalls ist aber auch eine psychotraumatologische Begleitung nötig.

Christian Schikarski ist wichtig, dass die Möglichkeiten des gealterten Menschen nicht ausschließlich als Defizit wahrgenommen werden. Auch wenn «der Umgang mit dem Mangel» gelernt werden müsse, bieten Lebenserfahrung und gereifte Sichtweise einen Gewinn für den Umkreis des alten Menschen. Aber: «Auch unter eingeschränkten Bedingungen kann ein erfülltes Leben geführt werden.» Dafür ist ein spirituelles Menschenverständnis eine Hilfe. Damit all dies möglich ist, brauche es jedoch eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung.


Literatur Christian Schikarski: Alterskultur und Altersmedizin, ‹Der Merkurstab› Nr. 2/2026

Symbolbild Altenpflege (Foto: Age Cymru auf unsplash)