Eine Hochschule des Lebendigen

Eine Hochschule des Lebendigen

27 April 2020 Gerald Häfner 13 mal gesehen

Die Klausur der Goetheanum-Leitung von 31. März bis 2. April fand unter besonderen Bedingungen statt: Nicht alle Sektionsleitenden konnten am Goetheanum sein, diese nahmen aber mittels Übertragungstechnik teil. Angesichts der Zeitlage bestimmte die Goetheanum-Leitung drei Arbeitsgebiete und lädt zur Mitarbeit und Unterstützung ein.


Die Menschheit steht am Rande eines Abgrundes. Eine weltweite Krise und Bedrohung jagt die nächste. Immer deutlicher wird: Wenn wir in allem einfach so weitermachen wie bisher, wird dieser Weg in einer Katastrophe enden. Wir müssen also unseren Sinn und unsere Richtung ändern.

Wie konnte das passieren? Wissenschaft und Technik stehen in beispielloser Blüte, feiern immer neue, staunenswerte Erfolge – und trotzdem sind wir in hohem Tempo dabei, das natürliche, soziale und geistige Klima, das Leben, die Gesellschaft und die Erde zu zerstören.

Folgen menschlicher Handlungen

In dieser dramatischen Situation liegt eine einzigartige Herausforderung an unser Wissen, Erkennen und Handeln. Wir wissen und können so viel wie nie! Aber wir brauchen ein anderes Wissen und ein anderes Handeln als das, das uns in diese Situation gebracht hat. (Wie) kann das Goetheanum, die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, zu diesem neuen Wissen und Können beitragen?

Diese Frage stand im Mittelpunkt der Klausur der gesamten Goetheanum-Leitung – teils im Goetheanum selbst, teils von außen zugeschaltet. Den äußeren Zwang zur Absage wichtiger Veranstaltungen und zur Schließung der Türen nach außen haben wir genutzt, um die inneren Türen weit aufzumachen: für Vertiefung und mehr Zusammenarbeit, vor allem aber für die Nöte der Zeit und der Welt. Uns bewegte dabei die Frage: Was fragen, was fordern die Zeit und die Welt heute? Worauf kommt es jetzt vor allem an? Und was können wir tun?

Die vielen und ernsten Krisen unserer Kultur, Politik und Wirtschaft, unserer Umwelt und Gesellschaft sind weder gott- noch naturgegeben. Sie sind Folgen menschlicher Beschlüsse und Handlungen. In ihnen spiegeln sich Folgen eines Wissenschaftsbegriffes, der nur das Zähl- und Messbare, das Materielle, das Gewordene gelten lässt und dabei gerade das Lebendige, das Wirkende, den Geist ausklammert.

Wenn zutrifft, dass die Welt mit der Zeit wird, wie wir sie denken: Wie müssen wir denken, damit auf unserer ebenso fantastischen wie krisengeschüttelten Welt eine bessere, lebensförderliche, menschliche Entwicklung einsetzen kann? Welche Art von Wissenschaft und Praxis ist der künftigen Entwicklung des Menschen als eines freien selbstbestimmten Wesens und der uns tragenden und mit uns verbundenen Erde förderlich?

Arbeits- und Forschungaufgaben

Hier kann und will das Goetheanum als freie Hochschule für Geisteswissenschaft in den nächsten Jahren wesentliche Beiträge leisten. Aus unserer Beschäftigung mit den Fragen und Nöten der Zeit haben wir drängende Arbeits- und Forschungsaufgaben identifiziert, die wir in den nächsten Monaten weiter ausarbeiten und bei denen wir in den nächsten Jahren über Sektionsgrenzen hinweg verstärkt zusammenarbeiten wollen. Sie gliedern sich in folgende drei Themenfelder:

Ein neuer Umgang mit der Erde:
Wir verstehen die Erde als ein lebendiges Wesen. Wie können wir zu einem partnerschaftlichen Verhältnis zu ihr finden? Was folgt daraus für die Landwirtschaft, für unseren Umgang mit Pflanzen und Tieren, aber auch mit dem Klima und den Ressourcen der Erde? Wem gehört die Erde mit allem, was in, unter und über ihr ist? Können wir neue, von Verbindlichkeit und Verantwortung getragene Rechtsverhältnisse im Umgang mit Land, Grund und Boden, Bodenschätzen und Umweltgütern entwickeln? Was ist ein angemessener Umgang mit den Substanzen der Erde? Lässt sich eine ökologische Pharmazie entwickeln?

Verständnis und Pflege des Lebendigen:
Noch immer versucht unsere Wissenschaft, Leben durch das Tote zu verstehen. Wie aber lässt sich das Lebendige selbst erfahren, erkennen und verstehen? Wie eine lebendige Anschauung, ein lebendiges Denken entwickeln? Welche Gedankenformen entsprechen dem Lebendigen? Wie ist eine Verlebendigung der geschundenen Sprache und des so wesenlos gebrauchten Wortes möglich? Wo und wie können wir das Lebendige, Wesenhafte der Zeit erleben? Wie kann uns Kunst helfen, unser Wahrnehmen, Denken und Handeln zu verlebendigen? Und wie kann daraus ein wesenhaftes Erkennen der Technik, ja eine Technik des Lebendigen entstehen?

Eine neue Geschwisterlichkeit:
Wie lässt sich Mutualität (Gegenseitigkeit) als Grundstruktur des Lebendigen wie des Menschlichen begreifen – und praktizieren? Können wir einen gewaltlosen Umgang miteinander und mit der Natur entwickeln? Was bedeutet das für eine künftige Kultur, Wirtschaft und Politik? Ist Gemeinschaft ohne Macht, ist eine geschwisterliche Wirtschaft möglich? Alles Leben, alle Erkenntnis ist letztendlich Beziehung. Und Beziehung heißt auch Verantwortung – für die Art und den Prozess des Erkennens selbst, für das Erkannte wie für unser Handeln in der Welt.

Verpflichtung aus erweitertem Wissenschaftsbegriff

Dies ist die Blickrichtung, mit der die Goetheanum-Leitung in die nächsten Jahre geht. Wir sehen in der Existenz einer Hochschule, die sich einem erweiterten Wissenschaftsbegriff verpflichtet weiß, der nicht bei der Sinnenerkenntnis Halt macht, sondern sich die Frage nach einem einfühlenden Erkennen auch des Unter- und Übersinnlichen, des Lebens und des Geistes stellt, gerade in der heutigen apokalyptischen Zeit ein großes Glück und Privileg wie eine Verpflichtung. Und wir hoffen auf die Mitarbeit und Unterstützung der weltweiten Gemeinschaft anthroposophisch forschender Menschen, die der Hochschule und ihren Sektionen verbunden sind.


Das Künstlerische

Dass das Künstlerische doch etwas ist, wodurch man sich sowohl schaffend wie genießend mit in die Geisteswelt hineinstellt. Wer ein wirklicher Künstler ist, kann in einsamer Wüste sein Bild schaffen. Einerlei ist ihm, […] ob es überhaupt jemand anschaut, denn er hat in einer anderen Gemeinschaft geschaffen, er hat in der geist-göttlichen Gemeinschaft geschaffen. Götter haben ihm über die Schultern geblickt. […] Aber auf der anderen Seite kann man nicht Künstler sein, ohne in die Welt, die man dann auch ihrer Geistigkeit nach betrachtet, das eigene Geschöpf wirklich hineinzustellen, sodass es darinnen lebt. […] Sehen Sie, es lässt sich eigentlich künstlerisch nur schaffen, wenn man das Kunstwerk im Weltenzusammenhang darinnen hat. Dessen waren sich jene alten Künstler bewusst, die zum Beispiel ihre Bilder an die Kirchenwände gemalt haben, denn da waren diese Bilder die Führer für die Gläubigen […], da wussten die Künstler, das steht darinnen in dem Erdenleben, insoweit dieses Erdenleben von dem Geistigen durchsetzt ist.


Quelle: Rudolf Steiner, GA 276, 2002, Seiten 106f.