Entwicklung zu einer Verantwortungsgemeinschaft
Die Texte der Klassenstunden der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft sind in neuer Auflage in der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe als GA 270 erschienen und werden bald auch in deutsch-englischer Fassung erstmalig veröffentlicht.
Damit stehen sie der Arbeit der Hochschulmitglieder zur Verfügung und sind für jeden Interessierten zugänglich.
Die Leserin, der Leser der ‹Klassenstunden› stößt bei der Lektüre auf ein von Rudolf Steiner beschriebenes ‹okkultes Gesetz›, wonach die Wirksamkeit der hier vermittelten Meditationen ihre Kraft mit deren Veröffentlichung verliert. Welche Gesichtspunkte leiten in dieser bereits seit 1992 veränderten Situation die Arbeit der Ersten Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum?
Ein wesentlicher Gesichtspunkt Rudolf Steiners vom 28. Dezember 1923 wurde bereits im Vorwort zur Herausgabe der Klassentexte 1992 angeführt: «Dieser Geist der Zeit verträgt nicht das äußere Geheimnis, während er ganz gut verträgt das innere Geheimnis.» (GA 260, 1994, Seite 150) Es kommt also auf die Pflege des inneren Geheimnisses an, das gerade nach der Veröffentlichung der Texte von besonderer Bedeutung ist. Es lebt im Willen zur Repräsentanz der Anthroposophie durch die Mitglieder der Hochschule und umfasst die innere Entwicklung des Menschen, seine Selbsterkenntnis, «die das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte» (GA 26, 1. Leitsatz). Dabei bildet sich eine Verantwortungsgemeinschaft, deren Substanz der Wille zu dieser Arbeit ist.
Gesichtspunkte der Wirksamkeit
Wie die Wirksamkeit individueller meditativer Arbeit unberührt ist von der Veröffentlichung der Meditationen – Rudolf Steiner hat zum Beispiel die Rosenkreuzmeditation ohne anzunehmenden Wirksamkeitsverlust veröffentlicht –, so gefährdet ist die Wirksamkeit meditativer Arbeit, die sich in einen größeren Menschenzusammenhang stellt. Der individuellen Arbeit steht das begleitende Geistwesen des einzelnen Menschen nahe, mit der gemeinschaftlichen Arbeit kann sich demgegenüber nicht nur der Engel, sondern ein Geistwesen aus der Hierarchie der Erzengel verbinden. In diesem Sinne wurde der Zeitgeist und Erzengel Michael als Leiter der Schule angesprochen.
Der ursprüngliche Zusammenhang in der Hochschule ist bereits bald nach Rudolf Steiners Tod massiv beeinträchtigt worden, und die Kette dieser Einschränkungen der Wirksamkeit riss auch in den folgenden Jahrzehnten nicht ab. Gegenwärtig kommt es nicht mehr darauf an, aus reiner Tradition eine Situation aufrechterhalten zu wollen, die nicht mehr in dieser Weise aufrechterhalten werden kann. Denn «die Welt verträgt kein äußeres Geheimnis». Umso mehr – und darauf hat Jörgen Smit im Zusammenhang mit der Wirksamkeitsfrage hingewiesen – braucht es nun den Willen derjenigen, die Mitglied der Hochschule sind oder werden möchten, diesen weltweiten Zusammenhang der «Schwestern und Brüder», diese ‹Schale› in jedem Augenblick neu zu bilden, zu fördern und damit zur Wirksamkeit zu bringen. Sie entsteht durch die Suche des Einzelnen nach Wahrhaftigkeit in Erkenntnisfragen, durch die meditative Stimmung der inneren Arbeit und den Ernst, nicht zu vergessen, dass man ein arbeitendes Mitglied dieser Schule ist. Für die Wirksamkeit ist dieser Zusammenhang entscheidend.
Von Mund zu Ohr
Die sich ‹von Mund zu Ohr› vollziehenden Klassenstunden machen die Verbindung zur geistigen Welt und der Michael-Wesenheit ahnbar – und damit die Quelle für die Wirksamkeit. Diese ist spürbar: So kann schon die Frage entstehen, ob nicht die Lebenskraft der Anthroposophie, die sich in den zurückliegenden 100 Jahren so beeindruckend zeigt und das kulturelle und gesellschaftliche Leben verändert, mit dieser Arbeit der Hochschule und ihrer Differenzierung in den Sektionen zusammenhängt. Hier helfen nicht nur ‹irdische Hände›, sondern auch diejenigen der Verstorbenen, uns Vorangegangenen. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Arbeit der Hochschule nicht nur eine persönliche, sondern vor allem eine menschheitliche Auswirkung hat. Die Hochschule ist ein weltweiter Arbeitszusammenhang, der in diesem Sinne eine ‹nicht-veröffentlichbare› Qualität und Wirksamkeit entwickeln kann und klare Aufnahmebedingungen hat.
Sie wird sich aber nur dann entfalten, wenn diese Hochschule von der Anthroposophischen Gesellschaft getragen wird und sich als ‹Seele› dieser Gesellschaft begreift. Vielleicht können andere Arbeitszusammenhänge ihr Gutes leisten; es bedarf aber für die beschriebene Wirksamkeit der Verbindung eines gesellschaftlichen Leibes (Anthroposophische Gesellschaft) mit ihrer Seele (Freie Hochschule für Geisteswissenschaft) und ihrem geistigen Wesen, auf das der Name ‹Michaelschule› deutet. Erst ein gesunder Zusammenhang von Leib, Seele und Geist lässt eine kraftvolle und segensreiche Wirksamkeit entstehen, auf die es gerade für das nächste Jahrhundert des anthroposophischen Kulturimpulses ankommt.
Matthias Girke, Goetheanum
Paradigmenwechsel
Die Anthroposophische Gesellschaft sieht ein Zentrum ihres Wirkens in der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft.» So heißt es im Gründungsstatut von 1923/24, und so gilt es bis heute. Im Laufe des Jahres 1924 beschrieb Rudolf Steiner die Bedingungen für diese Hochschule neuer Art und richtete die erste von drei vorgesehenen Klassen sowie mehrere Fachsektionen ein. Während die Publikationen dieser Hochschule öffentlich sind, waren für viele Jahrzehnte das mantrische Gut der Ersten Klasse ausschließlich den Hochschulmitgliedern von Mund zu Ohr und die Mitschriften der Wortlaute Rudolf Steiners nur den verantwortlichen Vermittlern der Klassenstunden zugänglich.
Nach dem Tod Rudolf Steiners wurde der Impuls der Hochschule über den Zweiten Weltkrieg hinaus aufrechterhalten (siehe die Darstellungen dazu von Johannes Kiersch und Peter Selg), durch unter anderem Jörgen Smit weiterentwickelt und immer stärker in verschiedenen Sprach- und Kulturräumen aufgebaut.
1992 entschloss sich die damalige Leitung der Hochschule mit der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung zur gemeinsamen Herausgabe sämtlicher Texte sowie der Mantren vor Ablauf der Urheberschutzfrist in einer großformatigen, kaum zugänglichen Erstausgabe. Nunmehr ist – auch in Abgrenzung von anderen Nachdrucken – eine in den Anmerkungen überarbeitete und von der Hochschule verantwortete einbändige Ausgabe (mit allen Notizbucheinträgen und Tafelzeichnungen) innerhalb der Gesamtausgabe als GA 270 im Rudolf-Steiner-Verlag Basel erschienen.
Justus Wittich, Goetheanum